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Tatort – ‚Tempelräuber‘ (2009)

2 Kommentare

Inhalt

Tatort_TempelräuberDirekt vor Boernes Augen wird Ludwig Mühlenberg, der Regens des Priesterseminars Sankt Vincenz, mit einem Taxi überfahren. Als er dem armen Mann zu Hilfe eilen will, setzt das Taxi nochmal zurück und fährt auch den Rechtsmediziner an. Staatsanwältin Klemm fordert eine umgehende Aufklärung, schließlich ahnt sie bereits, was der Mord an einem Priester – noch dazu an einem solch einflussreichen – in einer Stadt wie Münster bedeutet.

Als ob Thiel nicht schon genug Probleme hätte, stellt sich auch bald heraus, dass das Taxi, das für die Tat verwendet wurde, eigentlich seinem Vater gehört, der an diesem Abend nur schnell einen Fahrgast zur Tür begleitet und das Auto abzuschließen vergessen hat. Obwohl das Taxi später verlassen in einem Wald gefunden wird, gibt es keine verwendbaren Spuren, anhand derer man einen Täter identifizieren könnte.

Boerne verlässt bereits am nächsten Morgen auf eigene Verantwortung das Krankenhaus, obwohl er sich durch den Unfall beide Arme gebrochen hat und nun völlig handlungsunfähig ist. Das stört den Rechtsmediziner aber nur wenig, schließlich gibt es genug Leute um ihn herum, die ihm seiner Meinung nach zur Hand gehen können. Es dauert nicht lange, bis Alberich durch den ständig nörgelnden und herumkommandierenden Boerne die Geduld verliert und sie ihren Chef kurzerhand in seinem Büro einschließt, um in Ruhe die Obduktion durchführen zu können.

Thiel ermittelt währenddessen im Priesterseminar, um zu klären, wer ein Motiv für die Tat haben könnte. Ein junger Mann fällt ihm auf, der sich sichtlich nervös verhält und als er diesen dann auch noch eines Abends erwischt, wie er in Mühlenbergs Büro herumstöbert, bohrt Thiel tiefer und findet heraus, dass Mühlenberg den jungen Johannes aus dem Seminar verweisen wollte, da es ihm an Disziplin mangle. Trotzdem scheint er für den Mord nicht in Frage zu kommen.

Zudem muss sich Thiel auf die Suche nach einer Haushälterin für Boerne machen, denn allein kommt der Professor momentan noch nicht zurecht. Zufällig wird er auf Karin Ellinghaus und ihren Sohn Steffen aufmerksam. Karin macht sich sofort eifrig ans Werk; zu eifrig für Boernes Geschmack, dem die fremde Frau in seiner Wohnung eigentlich gar nicht recht ist und der seinen Unmut immer wieder zum Ausdruck bringt.

Währenddessen nehmen die Ermittlungen eine neue Wendung. Der Priester Hans Wolff, der Steffen auch Geigenunterricht gibt, gerät unter Verdacht, als sich herausstellt, dass die Sekretärin des Ordens Dorothea Lenz in Wahrheit seine Tochter ist. Einst hatte der Geistliche während seiner Ausbildung ein Verhältnis mit Dorotheas Mutter, doch bis heute wusste er nicht, was aus dem Kind wurde. Hat er womöglich Mühlenberg umgebracht, als dieser davon erfuhr? Oder war es vielleicht sogar Dorothea selbst, die Mühlenberg gehasst hat, weil dieser ihre Mutter damals sogar zur Abtreibung zwingen wollte?

von Jolli

Gastdarsteller

  • Ulrich Noethen
  • Johanna Gastdorf
  • Rosalie Thomass
  • Wolf-Niklas Schykowski
  • Marita Breuer
  • Andreas Potulski
  • Giselle Vesco
  • Sibylle Bertsch


Jolli meint:

Das ist Karl-Friedrich Boerne, wie wir ihn lieben! Obwohl Tempelräuber nicht meine erste Tatort-Folge war und es erst eine Weile gedauert hat, bis der Groschen bei mir fiel, war es genau diese Episode, bei der ich mein Herz für Boerne entdeckt habe.
Nicht nur, dass das Thema sehr interessant und aktuell ist, und noch dazu gerade mit Münster als erzkatholischer Stadt sehr eng verknüpft ist, so bekommen wir auch über die gesamten 90 Minuten hinweg einen Boerne in seiner Höchstleistung.

Da wäre zunächst mal wieder seine so charakteristische Sturheit. Gerade als Mediziner hält er es natürlich nicht im Krankenhaus aus und entlässt sich deshalb selbst, gegen den Rat seiner Kollegen. Nachdem er ja persönlich in den Fall involviert ist, möchte er sein Institut auf keinen Fall Alberich überlassen, denn er fürchtet vermutlich, dass er sonst diesmal nicht die Lorbeeren einheimsen kann.

Dass er mit seinen zwei gebrochenen Armen völlig hilflos ist, ärgert ihn natürlich, denn Selbstständigkeit ist für ihn das A&O. Die Vorstellung selbst, für die einfachsten und intimsten Dinge auf andere angewiesen zu sein, ist für ihn unerträglich. Trotzdem muss er da irgendwie durch. Dass muss er spätestens einsehen, als es ihm trotz aller Bemühungen nicht gelingt, ein Brot abzuschneiden (ich liebe diese Szene!). Er hofft dabei auf Menschen, denen er vertraut, so wie Thiel oder Alberich. So eine gewisse Zurückhaltung davor, jemand Fremdes in sein Privatleben hinein zu lassen, ist zwar auf der einen Seite nachvollziehbar, andererseits ist Boerne doch sonst nicht so menschenscheu.

Dieser ganze Fall ist für ihn eine wichtige Lektion, die er anfangs zwar widerwillig, mit der Zeit aber sehr wohl begreift. Logischerweise steht er seiner Haushälterin und ihrem Sohn schon aus Prinzip ablehnend gegenüber und meckert an allem, was vor sich geht. Dann erkennt er aber, dass er es auch selbst in der Hand hat, ob die Wochen bis zu seiner Genesung friedlich oder die Hölle sein sollen.

Natürlich bringt er kein „Es tut mir leid“ über die Lippen, als er bei einem Streit mit Steffen dessen Geige kaputt macht. So etwas lässt sein Stolz einfach nicht zu.
Aber das schlechte Gewissen nagt eben doch in ihm und so wird aus dem unausstehlichen Professor allmählich ein einfühlsamer Familienmensch. Es macht ihm sichtlich Spaß mit den anderen am Tisch zu sitzen, statt wie sonst immer allein zu essen. Und er lässt sich auch auf die Hilfe ein, die man ihm gibt.

Sehr eindrucksvoll fand ich das Gespräch zwischen Boerne und Steffen, als sie über ihre Väter reden. So ganz bedeutungslos ist ihm die Geige nämlich nicht, die er angeblich nur verkaufen wollte. Ganz zu Beginn der Episode sieht man, wie Boerne fast liebevoll über sie streichelt, als er Erinnerungen damit verknüpft. Sein Vater – von dem wir ja inzwischen wissen, dass er ganz schön was auf dem Kerbholz hatte – war vermutlich nicht immer sehr verständnisvoll. Aber trotz dieser nicht immer so einwandfreien Beziehung geht Boerne nicht so weit, ihn zu hassen. Vieles in seinem Charakter spricht dafür, dass er seinen Vater wohl bewundert und immer um seine Anerkennung zu kämpfen versucht hat. So etwas prägt einen Menschen.

Eigentlich ist es doch sehr erstaunlich, dass der sonst so vielseitig begabte Boerne offenbar kein Händchen fürs Geigespielen hat. Schade eigentlich!
Aber wir bekommen sonst genug geniale Unterhaltung in dieser Episode, denn wenn Boerne schon an seinen Händen gehandicapt ist, hat er doch immerhin noch sein vorlautes Mundwerk. Und mit dem sorgt er wieder für amüsante Dialoge mit Thiel und Alberich.
Alles in allem also eine sehr gelungene Folge!


Gabi meint:

Jolli schreibt es oben schon: Auf den Spuren von Boernes Charakter kommt man um ‚Tempelräuber‘ nicht herum.

Die Folge hat einige der komischsten Szenen aller Folgen, allen voran die Brotschneideszene, und Dialoggefechte gerade auf dem richtigen Niveau, nicht zu albern, nicht zu gallig. Sie bietet aber auch einige sehr starke Boerne-Szenen.

Es ist ja klar, dass Boerne es kaum erträgt, nicht überlegen und autonom zu sein, sondern Hilfe annehmen zu müssen, und die Selbstverständlichkeit, mit der er seine Umgebung rekrutieren will, ist ganz schön unverfroren; ob er dieses sein vermeintlich gutes Recht aufgrund seiner sozialen Stellung in Anspruch nimmt oder ob er Alberich und Thiel wirklich als ‚Kollegen, (Nachbarn), Freunde‘ betrachtet, die ihm natürlich in so einer Situation helfen, wird nicht ganz klar; ich neige aber tatsächlich zu Letzterem.

Und jetzt wird es wirklich sehr spekulativ 😉

Boernes herablassende Sprüche, seine Prahlerei, der fehlende Sinn für Distanz, personal space und soziale Konventionen sind Teil seines Charakters und werden für gewöhnlich als Arroganz und Snobismus angesehen. Wenn man diese Folge sieht, und insbesondere seinen Ausbruch in der Szene mit der kaputten Geige, ergibt sich für mich ein anderes Bild.

Natürlich führt Boerne sich unmöglich auf, wenn er die arme Frau Ellinghaus so herunterputzt, obwohl sie nur versucht hat, ihm eine Freude zu machen, und wenn er in der Geigenszene, statt seinen Irrtum einzugestehen und sich zu entschuldigen, den jungen Steffen anbrüllt. Trotzdem habe ich mit Boerne mitempfunden. Ich bilde mir ein, genau zu wissen, wie er sich gefühlt hat. In der Situation, fremde Menschen in meiner! Wohnung! und keine Chance, dem zu entkommen, hätte ich auch alle Stacheln ausgefahren. Boerne wird ungerecht, weil er es einfach nicht aushält; und als ihm sein Irrtum mit der Geige klar wird, er blitzartig begreift, was er angerichtet hat, bleibt ihm in dem Moment nur die Vorwärtsverteidigung.

Dass er sich dann bei Steffen entschuldigt, ist nicht selbstverständlich, wäre er wirklich der selbstgerechte arrogante Snob, dann wäre das Kapitel Ellinghaus damit beendet gewesen. Vielleicht hätte er sich noch eine halbherzige Entschuldigung abgerungen, der Form halber. Aber das ist er eben nicht. Er braucht diese Fassade, weil er sich damit sicher fühlt, denn sein Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen ist unterentwickelt. Darum kann er sich auch nicht sofort entschuldigen; er kann nicht spontan richtig reagieren, sondern muss die Situation mit dem Verstand verarbeiten. Als ihm klar wird, wie daneben sein Verhalten war, zögert er auch nicht, seinen Fehler einzugestehen, und damit ist das Eis dann auch gebrochen und er kann ganz sich auf die familiäre Situation einlassen.

Dabei fehlt es ihm ja eigentlich nicht an Einfühlungsvermögen, nur beschränkt sich das normalerweise auf Situationen, in denen er sich souverän und sicher fühlt, wie in Der dunkle Fleck, Spargelzeit oder auch Zwischen den Ohren.

Schön, wie ihm der Junge dann doch ans Herz wächst und er durch die tragische Situation sein übliche nervige Art ganz vergißt. Nicht einmal die Gelegenheit, Thiel am Schluß aufzuwecken, nutzt er aus. Nur gut für die Serie, dass in der nächsten Folge alles beim alten ist – Samariter!Boerne wäre sicher nicht so der Quotenerfolg 🙂


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2 Kommentare zu “Tatort – ‚Tempelräuber‘ (2009)

  1. Ich muss gestehen, ich konnte Boerne hier überhaupt nicht leiden, wie ich der Figur sowieso sehr ambivalent gegenüberstehe. Zum einen ist er als fiktionaler Charakter natürlich klasse und er hat auch seine – selten gezeigten – guten Seiten. Die sieht man in den frühen Folgen öfter, daher ist mir der frühe Boerne wesentlich lieber als der spätere.

    Mein Problem ist: Ich hatte mal so einen Chef, bezeichnenderweise, als ich an der Gerichtsmedizin gearbeitet habe. Zwar kein Mediziner, sondern ein Chemiker, aber von der Art her ähnlich. Hat mir gerne und oft quer über den Gang „Sie sind völlig unfähig! Sie haben keine Ahnung von Chemie!“ nachgebrüllt. Im Fernsehen ist das lustig, in der Realität hab ich mehr als einmal deswegen heulend und zitternd in der Damentoilette gestanden.
    Genau wie Boerne hat auch mein Ex-Chef seine eigenen Schwächen und Fehler, die in seiner Wahrnehmung natürlich nicht existierten, an anderen, u.a. an mir ausgelassen. Hat mir hanbüchene Anweisungen gegeben, meine Warnungen ignoriert, und wenn es dann schief ging, mir die Schuld in die Schuhe geschoben. So etwas ist nicht lustig.
    Nach 8 Monaten hatte ich sein Spiel dann weitgehend durchschaut, erkannt, was dieser Mensch doch für ein Würstchen ist, und habe gekündigt.

    Genau deshalb habe ich eine sehr ambivalente Einstellung zu Boerne. Wenn ich an die erste Folge denke, als er noch über Alberich sagte „Was täte ich ohne sie!“ und ihn mit dem ekelhaften Kerl vergleiche, zu dem er sich immer mehr entwickelt hat… :-/ Wiewohl dies ja zum Glück schwankt. In „Zwischen den Ohren“ war er so-so, zwar zu Thiel fies, aber mit einer erstaunlich liberalen Einstellung der Intersexualität gegenüber. In „Herrenabend“ war er zum Erschießen. In „Das Wunder von Wolbeck“ war er wieder besser, zwar aufgeblasen, doch in seiner Beziehung zu Thiel und Alberich nicht so herablassend, sondern fast schon kollegial, als hätten sie sich alle miteinander endlich gefunden. Jetzt mal von den diversen Skurrilitäten in „Wolbeck“ abgesehen, würde ich mir so einen Boerne weiterhin wünschen.

    Davon abgesehen war „Tempelräuber“ als Folge natürlich sehr gut.

  2. Korrektur: Nicht in „Herrenabend“ war er zum Erschießen, sondern in „Hinkebein“.

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