Jan Josef Liefers

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Kritiker aus dem letzten gallischen Dorf

3 Kommentare

Ganz Deutschland freut sich auf die Ausstrahlung des neuen Tatorts aus Münster „Das Wunder von Wolbeck“. Ganz Deutschland? Nein. Eine kleine unbeugsame Gruppe von Kritikern leistet der Euphorie vehementen Widerstand.
Dabei hat doch alles so schön begonnen. Am 20. Oktober 2002 strahlte die ARD zum ersten Mal die Folge „Der dunkle Fleck“ aus. Damals ahnte noch keiner, dass sich das Münsteraner Duo in den kommenden Jahren zum beliebtesten Tatort der Reihe entwickeln würde. Mit talentierten Darstellern, Charme und einer gehörigen Portion Humor hob sich der Münster Tatort schnell von allen anderen ab und schaffte es im Laufe der Jahre sogar, auch wieder das jüngere Publikum für den Deutschen Krimi zu begeistern.

Heute, 10 Jahre später, findet man sich in den Pressemitteilungen und Onlineberichten nur allzu oft in verwunderlichen Déja-vu-Situationen wieder, stößt man doch in den Kritiken immer wieder auf die gleichen Argumentationen, über die die Fangemeinde längst nur noch müde lächeln kann. Mangelnde Lokalkompetenz und ein Übermaß an Komik, das den eigentlichen Kriminalfall verdrängt, wird dem Münster Tatort immer wieder vorgeworfen. So oft sogar, dass man sich fragt, ob die Kritiker sich überhaupt noch die Mühe machen, sich die Folgen anzusehen, oder ob sie sich nicht längst in ihrem vorkonstruiertem Bild festgefahren haben.

Dabei befinden sich die Münsteraner in guter Gesellschaft. Mit Serien wie „Marie Brand“, „Wilsberg“ oder „Mord mit Aussicht“ setzen ARD und ZDF immer wieder gern auf Kriminalfälle mit einem kräftigen Schuss Humor, denn der Bedarf scheint ja offensichtlich da zu sein. Längst nicht jeder braucht nach den ernüchternden 20 Uhr-Nachrichten einen verworrenen, düsteren Kriminalfall, bei dem Leichen den Boden pflastern und der Kommissar möglichst oft von der Schusswaffe Gebrauch machen muss. Gerade der Tatort bietet mit seinen vielen verschiedenen Teams eine breite Palette unterschiedlicher Charaktere und Fälle, so dass für jeden Geschmack etwas dabei ist.

Je größer der Erfolg, desto kleiner die Toleranz der Kritiker, so wirkt zumindest das Gesamtbild vieler Artikel. Da kann auch schon mal so ein kleiner Fauxpas, wie ein „h“ an der falschen Stelle zum Angriffsziel werden (siehe Artikel: ARD benennt aus Versehen Wolbeck um).
Gleichzeitig ist der Tatort für Münster aber längst zu einem Identitätsmerkmal geworden, mit dem sich die Stadt nach außen präsentieren kann. Krimi-Führungen schießen nicht nur in Münster, sondern auch in vielen anderen Tatort-Städten wie Pilze aus dem Boden. Wen stört es also dann noch, wenn das knapp bemessene Budget eben nicht für mehr Drehtage an Originalschauplätzen reicht?

Wichtig ist doch die Leidenschaft, die in jeder Folge steckt und die kann wohl keiner dem Team abstreiten. Aus Anlass der Jubiläumsfolge wurden in den letzten Wochen immer wieder Interviews mit den Hauptdarstellern veröffentlicht. Ihre Aussage ist eindeutig: das Geheimnis des Erfolgs ist der Spaß, den alle an den Dreharbeiten haben und diesen merkt man ihnen auch in jeder Episode an. Dabei vergisst man schnell, wie viel harte Arbeit auch hinter dem kleinsten Moment steckt, der den Zuschauer zum Schmunzeln bringt.

Fast 12 Millionen Zuschauer sahen die zuletzt ausgestrahlte Episode „Hinkebein“, Tendenz steigend. 12 Millionen mit Geschmacksverirrung? Wohl kaum! Mehrere Auszeichnungen wie die Goldene Kamera oder der Jupiter Award (und weitere) zeigen, dass ein erfolgreicher Krimi nicht immer in dieselbe Schublade gesteckt werden muss.
Niemand erhebt Anspruch auf breite Akzeptanz. Um den Münster Tatort hat sich längst eine Fangemeinde gebildet, die sich auch von so manchem vernichtenden Kommentar der Presse nicht abschrecken lässt. Die Süddeutsche Zeitung spricht von „bedingungsloser Tatort-Liebe“, doch bedingungslos ist sie keinesfalls. Vielmehr sollten viele Kritiker langsam erkannt haben, dass das Ermittlerteam aus Münster für viele Menschen schlicht und ergreifend alle Bedingungen einer guten Unterhaltungssendung erfüllt.

3 Kommentare zu “Kritiker aus dem letzten gallischen Dorf

  1. So ist es. Ich wollte gerade sagen, dem ist nichts hinzuzufügen – aber möglicherweise habe ich *nach* der heutigen Folge doch noch die ein oder andere Anmerkung 🙂

  2. Das hast du sehr schön geschrieben Jolli! Hut ab, meine vollste Zustimmung.
    Jeder von uns hat doch genug eigene Sorgen im Leben, welcher Art auch immer sie gerade sein mögen. Da werde ich bestimmt nicht hingehen, und mich von sogenannter Abendunterhaltung noch mehr runterziehen lassen.
    Beim Tatort Münster kann man jedenfalls sicher sein, dass man lächelnd den Kopf schüttelt – und manches Mal auch lachend die Schenkel klopft. Und auch, wenn da viel Klamauk im Spiel ist, die Sympathie kommt an. Und das wohl nicht nur bei mir.

  3. Sehr gut geschrieben. Und ja, Erfolg erzeugt Neider. Ich gehöre sicher nicht zu den blindwütigen Münster-Anbetern, ich habe immer auch mein Körnchen Kritik anzubringen. Aber der allseits beliebte „Klamauk“ war heute meines Erachtens eben NICHT drin, da keine Zwergen- oder Kifferwitze gerissen wurden. Wie bei Hinkebein. Im Gegenteil, der heutige Humor war teils sehr leise, teils ziemlich absurd. Ich habe es jetzt schon überall, wo Platz war, hingeschrieben, daher hier nochmal: Ich fand die Folge eher komplett überdreht, ähnlich wie Murots „Das Dorf“. Und der war auch nicht klamaukig, sonder sehr abgefahren. Und gut.

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