Jan Josef Liefers

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Gastbeitrag: Konzertbericht aus Görlitz, 8.12.2012

7 Kommentare

Ein Gastbeitrag von Anne. Vielen Dank dafür!

„Mein Herz soll ein Wasser sein!“

Jan Josef Liefers & Oblivion – Soundtrack meiner Kindheit

08.12.2012 Gerhart Hauptmann – Theater/ Görlitz

 

Ja, das ist für die Lieblingslieder, die alles können und immer gewinnen, die Wege zeigen und bei mir bleiben und mich erinnern.

-Text und Komposition: Matthias Nürnberger-

http://www.senorematzerossi.de/


Rückblende (6 Monate zuvor):
Ich sitze inmitten einer großen Menschenmenge unter einem Blätterdach mitten im Wald. Ein attraktiver Mann mittleren Alters, mit rabenschwarzem Haar, einem Hut und großen freundlichen Augen, der in meiner Vorstellung immer etwas größer wirkte, erzählt gerade, wie er bereits am allerersten Schultag einen Eintrag  in sein Hausaufgabenheft bekam. „Jan prügelt sich vor den Garderobenschränken und wirft Erika Kraut um.“ –  die Leute lachen. Im Hintergrund werden seine Erzählungen durch private Bilder und kurze Filmsequenzen untermalt.   
Er erzählt mit einer Begeisterung und Bildhaftigkeit wie mein Opa, denke ich und höre aufmerksam zu. Es kommt mir so vor als säße er in meinem Wohnzimmer. Ich fühle mich plötzlich an meine Kindheit  erinnert, denn damals saß ich mit einer ähnlichen Spannung vor unserem Plattenspieler und lauschte dem Erzähler, immer darauf bedacht, bloß nichts zu verpassen.
Zwischen den verschiedenen Geschichten covert er mit seiner Band ausgewählte Lieder, welche, ebenso wie die Erzählungen, mit seiner Kindheit und Jugend in Verbindung stehen. Das gefällt mir sehr. Ich finde es beeindruckend, wie stark Musik mit verschiedenen Erinnerungen und Gefühlen verknüpft ist und was für eine Energie und Kraft sie uns verleihen kann.
Ich sehe wieder diese kleinen Filmsequenzen und jetzt, da ich genauer darauf achte, verstehe ich es erst.  Das sind Filmabschnitte seiner Kindheit – ein Familienfilm, wenn man so will. Ja! Genau solche Sequenzen beschreibt er auch in seinem Hörbuch, denke ich kurz und tauche dann wieder vollständig in die Musik ein.

Der Mann, von dem ich spreche, heißt Jan Josef Liefers und ist wohl den meisten Deutschen als hervorragender  Schauspieler bekannt.
Ich wusste nach dem Konzert nur, dass ich einen sehr warmherzigen Menschen kennen lernen durfte, der nicht nur sehr gut spielen und schreiben, sondern auch wunderbar erzählen und singen kann.

Es war ganz klar, dass ich mir dieses Programm nochmal anhören wollte, denn allein die Idee vom Soundtrack der eigenen Kindheit und Jugend in Bild, Ton und Schrift begeistert mich. Inzwischen habe ich selbst einen ausgewählten Kindheitssoundtrack zusammengestellt und einige Erinnerungen festgehalten.
In Görlitz sollte sich nun noch einmal die Gelegenheit bieten, gute Musik zu genießen, durch die Erinnerungen eines Menschen zu gehen und die Orte seiner Kindheit zu besuchen.
Ich wusste bereits, dass das alte Programm diesmal mit Liedern eines neuen Projekts kombiniert werden sollte und war sehr gespannt darauf.
Der Theatersaal war nicht so groß wie ich erwartet hatte, aber dadurch keinesfalls weniger schön. Kunstvolle Ornamente, sowie Stuck- und Goldverzierungen schmückten den Raum. Nun war mir klar, warum das Gerhart Hauptmann – Theater auch „kleine Semperoper“ genannt wird.
Durch das Stimmengewirr der Leute drang leise Musik. Ich hörte genauer hin und erkannte, dass es DDR – Kinderlieder sind. Das wusste ich, da meine Eltern einmal eine CD mit alten Pionier – und Kinderliedern geschenkt bekamen. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit sogar genau dieselbe CD.

Das Konzert begann wenig später gleich mit einer Überraschung, denn es wurde sofort eines der neuen Lieder gespielt. Ein Stück mit großem instrumentalem Anteil und leicht psychedelischem Klang. Es war wie ein kleines Soundexperiment. Die Akustik war leider aufgrund meines Sitzplatzes nicht optimal und so fiel es mir bei einigen Liedern schwer den Text zu verstehen.
Später stellte Jan den Zuschauern zwei Geister vor, welche in seiner Kindheit sehr präsent waren: Walter Ulbricht und Erich Honecker. Sie wurden im Hintergrund auf eine Leinwand geworfen und sollten im Laufe des Abends noch öfter zu Wort kommen.

Im weiteren Verlauf erzählte er unter anderem Anekdoten aus seiner Schulzeit, wie sein alter Gitarrenlehrer (Jan: „Er war wahrscheinlich schon da, als das Tote Meer noch lebte“) ihn Operettenmelodien spielen ließ oder wie er den Unannehmlichkeiten des Wehrerziehungsdienstes entging.
Mühelos gelingt ihm der Übergang von humorvollen zu ernsten Themen, wie dem Studentenmassaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in China, woraufhin die DDR die Regierung zur erfolgreichen Niederschlagung dieser Konterrevolution im eigenen Land beglückwünschte.

Man merkt schnell: Dieser Mann ist ehrlich und authentisch. Man sieht, dass es ihm Spaß macht seine Zuschauer durch Mimik und Gestik, gezielte Einspieler seiner beiden „Geister“ oder humorvoll erzählte Anekdoten  zum Lachen zu bringen. Es gelingt ihm jedoch auch, dass Publikum durch ernstere Themen nachdenklich zu stimmen. Seine große Bühnenpräsenz beeindruckt mich dabei sehr.

Aus dem alten Programm spielte die Band „Als ich wie ein Vogel war“ (Renft)  als Tribut an eine Gruppe die, trotz Drangsalierung durch das DDR – Regime  und ständiger Auftrittsverbote, immer für ihre Musik einstand, letztendlich all die Scharfmacher und Strammsteher Geschichte werden ließ und die Zeit überdauerte.
Mit „Mein Herz soll ein Wasser sein“ (Lift) beantwortete Jan die Frage nach dem reinen Glück. Ein Lied, das mich sehr berührt und mir als Coverversion sogar besser als das Original gefällt. Ein weiterer Song ruft dazu auf für seine Träume zu kämpfen und sie nicht aufzugeben – „Leb‘ deinen Traum!“ (Lift).
Vor dem nächsten Lied beschrieb Jan, wie in seinem Leben alle Startschüsse fielen, der Staat die Schlinge jedoch gleichzeitig immer enger zog und man sich sehr eingeengt fühlte. Das Lied trägt den Untertitel „Die Leidenschaft der Tristesse“ und beschreibt für ihn genau diesen Zustand – „Schlohweißer Tag“ (Silly)

Es folge noch ein kleines aber feines Lied des alten Repertoires, das Jan in seiner Jugend als ‚Geheimwaffe‘ nutzte, nachdem er festgestellte „dass die mit den Gitarren in den Händen, bei denen mit den Hügeln unterm Pullover hoch im Kurs stehen“.
Sein etwas älterer Kumpel riet ihm zudem, sich in der jungen Gemeinde bei den katholischen Mädchen umzusehen, da diese „schneller und experimentierfreudiger“ seien. Das hätte wohl irgendwas mit der Vergebung der Sünden zu tun, meinte er.

Er begann zu singen, unterbrach das Lied jedoch nach kurzer Zeit mit einem unzufriedenen Gesichtsausdruck. „Nein! Das geht so nicht!“ meinte er, sah in die Menge und sagte: „Es muss hier irgendwo im Raum ein katholisches Mädchen geben, das mir helfen kann!“
Ich wusste wohl, dass ich, wenn überhaupt, evangelisch erzogen wurde, aber da dort auch um die Vergebung der Sünden gebeten wird, dachte ich, dass man mir diesen kleinen „Fehler“ vergeben würde.
Ich meldete mich, Jan sah mich an und sagte: „Du? Du möchtest? „
„Ja!“, sagte ich etwas zurückhaltender als gewollt.
„Bist du denn katholisch?“, fragte er.
„Heute schon“, meinte ich.
Als ich auf der Bühne stand kamen mir zuerst leichte Zweifel, ob das wirklich ein so guter Plan war, denn ich war unheimlich nervös! Er meinte ich müsste gar nicht viel machen, einfach nur seine Hand halten und mir vorstellen, vor mir würde nicht so ein alter Sack stehen.
Das kleine Liedchen, das er an mich richtete ist von der Gruppe Karat und heißt „Und ich liebe dich“. Er begann zu singen, kniete sich irgendwann  hin und lehnte sich an mich an. Normalerweise hätte mich das nervös machen sollen aber irgendwie beruhigte mich die Situation etwas. Später hat er mich umarmt und mit mir getanzt. Ich konnte am Ende einen winzigen Part des Liedes ergänzen und da ich noch nie zuvor mit einem Mikro gesungen hatte, war ich nun um eine weitere Erfahrung reicher. Meine Stimme klang natürlich anders und der Ton wurde leicht versetzt durch die Lautsprecher wiedergegeben, sodass ich kein rechtes „Gefühl“ für die Töne hatte. Da ich selbst Gesangsunterricht nehme war das für mich zunächst sehr befremdlich.
Zum Schluss bekam ich sogar einen kleinen Applaus und wurde von Jan zu meinem Platz zurück gebracht, da er mir erklärte, dass die Jungs die Mädchen früher noch nach Hause brachten.
Danach folgte eine kurze Pause und viele Menschen, die meinen Weg kreuzten, lächelten mich an. Das war eine sehr seltsame Situation. Eine Frau fragte mich sogar: „Und? Wie ist er so von Nahem?“  Ich wusste wirklich nicht wie ich auf diese Frage antworten sollte.
Ich will es mal so formulieren: Ich bin einfach sehr dankbar, dass ich eine so wertvolle Erinnerung mit nach Hause nehmen konnte und mit einem tollen Menschen getanzt habe, der sein Herz am rechten Fleck hat.

Im weiteren Verlauf konnte man die einzelnen Musiker einmal allein mit ihren Instrumenten erleben und das fetzte. Ein beeindruckendes Schlagzeugsolo (ich konnte die Kondensstreifen sehen ;D ), ein Bassist, der mich mit seinem Song vor allem durch seine Stimme beeindruckt hat, zwei leidenschaftliche Gitarristen und last but not least  der virtuose Keyboarder. Danke Timon Fenner, Christian Adameit, Jens Nickel, Johann Weiß und Gunter Papperitz.

In Bezug auf die neuen Lieder erzählte Jan vom alten Radio seines Opas, auf dem man eine Fülle von Sendern empfangen konnte. Man drehte an dem kleinen Rädchen und war sich nie sicher, was zwischen dem Rauschen und Fiepen als nächstes erklingen würde. Das faszinierte ihn und um diesen wundersamen Draht zur Außenwelt soll es nun bei den neuen Stücken gehen.
Eine Kostprobe lieferte hier schon ein Lied über Jans „streckenweise trauriges Liebesleben“ („Mein Garten der Liebe ist ein Rübenbeet, auf dem ein Schild: ‚Betreten verboten!‘ steht.“). Das Lied wird jäh durch ein instrumentales Zusammenspiel unterbrochen, welches die wirren Töne und kurzen Klangfetzen beim Suchen eines geeigneten Radiosenders verdeutlichen soll, um dann wieder mit Jans Gesang einzusteigen.
Es folgt ein weiterer Song über den Verdruss darüber, dass ein Mann den unberührten Mond betreten musste.
Das vierte Lied, an das ich mich noch erinnern kann handelt von alt bekannten Wegen, die wir immer wieder betreten ohne zu merken, dass wir uns im Kreis drehen.
Ich würde mir die neuen Stücke natürlich gern nochmal anhören um noch ein bisschen besser in die Musik eintauchen zu können. Im Moment sind das noch meine ersten Eindrücke. Interpretationen und Anregungen von anderen Konzertbesuchern sind daher ausdrücklich erwünscht.

Als besondere Zugabe gab es noch  das Stück „Wo bist du?“ (Silly), das die Zuschauer begeisterte und für mich schon lange ein absoluter Evergreen ist.

Sie hat mir sehr gefallen, die Reise in die Vergangenheit eines Menschen, der seine Zuschauer an die Hand nimmt, um ihnen seine Geschichte zu erzählen. Jan Josef Liefers belebt und bewegt die Leute mit  seiner Leidenschaft, seiner Unermüdlichkeit und seiner Energie. Er brennt für seine Projekte und der Funke springt über.

„Danke, dass du uns an uns erinnerst, deine Lieder in uns fortklingen und dafür, dass dein Herz ein Wasser ist!“

Auf ein neues spannendes Projekt 2013!


Impressionen

Vielen Dank an Elke Schäfer für die Bereitstellung der Bilder!

(zur Vergrößerung anklicken)

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7 Kommentare zu “Gastbeitrag: Konzertbericht aus Görlitz, 8.12.2012

  1. Vielen Dank noch mal, Anne, ein wirklich schöner, lebendiger Bericht. Vielleicht treffen wir uns mal bei einem Konzert?

  2. Kann mich dem nur anschließen: Wirklich sehr schön und treffend geschrieben! Die neuen Lieder würde ich am liebsten sehr bald auch nochmal hören. Ich weiß nicht, wie es Euch erging, aber mich hat vor allem der Song über den Mond berührt. Warum, kann ich nicht erklären, mich hat die Melodie in irgendeiner Weise beeindruckt, insbesondere wenn der Refrain einsetzte, sowie die Bilder, die dazu auf der Leinwand zu sehen waren.

  3. Vermutlich, zumindest haben sie im Nachhinein die meisten Fragen aufgeworfen und für zahlreichen Gesprächsstoff gesorgt 😉

  4. Endlich bin ich dazu gekommen, deinen Bericht auch zu lesen. Wirklich super geschrieben. Ich kann mir alles so genau vorstellen. Jetzt bin ich natürlich umso neidischer 😀 Nochmal vielen Dank!

  5. Ein großes DANKE für die positiven Rückmeldungen 🙂
    Im Bezug auf die neuen Lieder ist mir gerade mein Favorit textlich nicht in Erinnerung geblieben. Ich war wahrscheinlich von der Melodie und der Tatsache, dass es mich gesanglich so sehr an den ganz oben zitierten Herrn erinnert hat, so eingenommen, dass ich es nicht erfasst habe. Ich kann nur sagen, dass es relativ ruhig/getragen war und zum Ende hin gespielt wurde.
    Mir persönlich gefällt die Metapher vom verwahrlosten Rübenbeet 🙂

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