Jan Josef Liefers

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Münster goes Sitcom oder: Tatort Münster ist nicht gleich Tatort Münster

15 Kommentare

Dieser Beitrag war ursprünglich auf die Folge ‚Ruhe sanft‘ bezogen. Nachdem ich nun ‚Summ, summ, summ‘ gesehen habe, stelle ich fest: meine Einschätzung trifft weitgehend auch auf dieses neueste Folge zu. In der Tat gibt es (mindestens?) zwei Versionen des Tatort Münster, was sich besonders bei der Figur des Boerne bemerkbar macht.

Kürzlich liefen zwei Wiederholungen direkt nacheinander – Montag ‚Ruhe sanft‘, Dienstag ‚Tempelräuber‘ -, und der Gegensatz könnte kaum größer sein, obwohl man das bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht gar nicht gleich merkt. Die beiden Folgen eignen sich besonders gut, um die Unterschiede in Buch, Regie, Dialogen und auch Darstellung aufzuzeigen.

Es handelt sich um die 11. und 16. Folge; die Figuren und der typische Münsteraner-Stil sind also gut eingeführt. Man weiß, was zu erwarten ist, kennt die Charaktere und den Stil. Und dann kommt so etwas wie ‚Ruhe sanft‘, eine Folge, die mich stark irritiert und von der ich nicht so recht weiß, wie ich sie einschätzen soll.

Der sehr positiven Kritik bei tittelbach.tv, sonst eigentlich recht zuverlässig, kann ich in dem Fall nicht zustimmen. Mit viel gutem Willen und demVorsatz, das Beste anzunehmen, könnte ich das Ganze noch als Parodie auf die Krimikomödie durchgehen lassen und eine Absicht dahinter vermuten, denn hier sind wir näher an ‚Switch Reloaded‘ als am gewohnten Münster-Tatort. Nicht erst seit der Lektüre von ‚Herrlich inkorrekt‘ finde ich die meisten Dialoge flach und die ‚Neger‘-Szene („Wie heißen nochmal die Leute, die immer schwarz rumlaufen?“) schlicht peinlich. Auch die anderen komischen Szenen sind nicht viel besser, die Entführung Boernes durch die Goth-Clique sonderbar und nicht besonders glaubhaft ( ja, okay. Aber es gibt Grenzen.) und die Schlußszene… naja, wer’s mag.

Vor allem aber ist auch Boernes Rolle ebenso wie Jans Spiel völlig überzogen, wirkt gekünstelt. Dass das nicht an Jans Fähigkeiten liegt, hat er oft genug bewiesen, was auf gewollte Übertreibung, eben Parodie, schließen läßt, oder aber auf Lustlosigkeit ob der Zumutung, diesen Trottel spielen zu müssen, der Boerne in der Folge ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das nicht sehr freundliche Urteil mancher Zuschauer und Kritiker auf dieser Folge beruht. Natürlich ist der Münster-Tatort als Komödie angelegt, aber wo die guten Folgen den Vergleich mit Screwball-Comedy-Niveau nicht scheuen müssen, haben wir hier nur *flüster* Klamauk. Ich glaube nicht daran, dass es eine Selbst-Karikatur sein soll, sondern befürchte eher, dass man auf schnelle Lacher gezielt hat.

Im Kontrast dazu ‚Tempelräuber‘, eine Folge, die ihre Protagonisten ernst nimmt und in der auch die aberwitzigen Szenen um Boernes eingegipste Arme perfekt zu seinem Charakter passen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er sowas wie die Brotschneideaktion versucht in seinem Eigensinn. Auch die selbstverständliche Annahme, dass Thiel ihm den Haushalt macht, liegt im Bereich des Glaubhaften, auch noch, dass er sich in ‚Ruhe sanft‘ bei Thiel einquartiert, nicht jedoch, dass er auch noch Thiels Bett für sich beansprucht. Der Boerne aus Tempelräuber oder auch Satisfaktion, Zwischen den Ohren, Dreimal Schwarzer Kater ist zwar schrullig, aber facettenreich. Ein Charakter, den man mögen kann oder nicht, der aber immer wieder zu überraschen vermag; und in solchen Folgen darf Jan auch schauspielerisch Nuancen zeigen.

In ‚Summ, summ, summ‘ dagegen ist Boerne nun vollends ein Ekelpaket, geizig, mißgünstig, raffgierig, arrogant. Hier sind wir ganz klar bei einer Sitcom-Figur, es fehlen nur die Lacher vom Band. Die Scherze sind vorhersehbar, und auch die paar wirklich guten Gags („Boernepedia“) und Dialoge können nicht verbergen, dass hier immer wieder das gleiche Muster variiert wird. Die Entwicklung, die Boerne in anderen Folgen durchmachen darf, wird wieder auf Null gesetzt. Das kann ein erfolgreiches Konzept sein, wenn der Zuschauer bekommt, was er erwartet. ‚Two and a half man“ ist schließlich auch ein Quotenknüller. Mein Fall ist es nicht.

Der viel geschmähte Vorgänger ‚Das Wunder von Wolbeck‘ war um Längen interessanter und innovativer, diese Folge anhand der – auch plot-bedingten- Derbheit mancher Gags zu beurteilen  wird ihr nicht gerecht.

Das Problem ist: das Comedy-Konzept ist inkompatibel zur intelligenten Komödie der ‚anderen‘ Folgen. Auf diese Weise wird immer ein Teil der Zuschauer irritiert: Wer ‚Wolfsstunde‘ liebt, wird ‚Summ, summ, summ‘ kaum goutieren und umgekehrt.

15 Kommentare zu “Münster goes Sitcom oder: Tatort Münster ist nicht gleich Tatort Münster

  1. Sehr gut und richtig beobachtet. „Hinkebein“ wäre auch so ein Vertreter der Sitcom-Variante. Wobei ich seit gestern, seit „Summ, summ, summ“ also, langsam die Befürchtung habe, dass es noch tiefer, nämlich in Richtung „Hausmeister Krause“ absackt. Sofern nicht endlich ein paar anständige Drehbuchautoren das Ruder rumreißen.

    • Sehe ich auch ganz genau so wie ihr beide. Gabi, schön beschrieben, Nina, wir beide haben ja gestern Nacht schon bemerkt, dass wir in Bezug auf „Summ summ summ“ einer Meinung sind.

      Wobei ich ‚Ruhe sanft‘ noch nicht so schlimm fand wie den Tatort gestern; da konnte ich mich über Boerne insgesamt noch mehr amüsieren, da war er noch nicht ganz so abartig eklig. Peinlich schon sehr, aber nicht so fies. Boah, schüttel.
      Gestern war es einfach nur schrecklich.

  2. Da immer nur zwei Folgen pro Jahr im Abstand von etwa einem halben Jahr gezeigt werden, käme ich gar nicht auf den Gedanken, eine Entwicklung der Charaktere zu erwarten.

    Ich ziehe zwar auch „Tempelräuber“ „Ruhe sanft“ vor, bin aber der Meinung, dass Boerne in „Tempelräuber“ streckenweise alles andere als sympathisch rüberkommt. Wie er sich Frau Elleringhaus und ihrem Sohn gegenüber benimmt, ist zum Teil unterirdisch.

    Dem letzten Satz kann ich nun gar nicht zustimmen. Ich finde „Wolfsstunde“ richtig gut, aber zugleich hat mrt auch die gestrige Folge gut gefallen.

    • Stimmt, Boerne ist sowohl in „Tempelräuber“ als auch in „Wolfsstunde“ ein Arsch. Aber er ist es nicht um einiger platter Lacher willen, sondern im vollen Bewusstsein, hier seine Charakterschwächen zu beleuchten. Nicht, damit wir uns alle darüber auf die Schenkel klopfen können, sondern damit Boerne es letztlich selbst bemerkt. In beiden genannten Folgen kommt er dahinter, dass er sich unmöglich benommen hat und korrigiert sein Verhalten in dem Maße, da es ihm sein Stolz erlaubt. Er kann sich nicht überwinden, den mitgenommenen Thiel um Verzeihung zu bitten und versucht es stattdessen mit gezwungendem Small-Talk. Oder er schenkt seine wertvolle Violine dem Jungen, deren eigne er zuvor ruiniert hat.
      Man kann zwar nicht behaupten, Boerne würde hier vom Saulus zum Paulus, aber er macht immerhin einen kleinen Entwicklungsschritt durch.

      In „Summ, summ, summ“ werden seine Blödheiten, Unhöflichkeiten und Eitelkeiten einfach nur des schnellen Lachers wegen gesetzt. Da gibt es keine Entwicklung. Das ist Commedia dell‘ arte auf flachstem Niveau.

  3. Ja genau, Nina, du sagst es. Und was die Charakterentwicklung angeht, Vera: Vielleicht sollte man besser von ‚Differenzierung‘ sprechen; jedenfalls sind in nicht-C/H-Folgen andere Charaktereigenschaften da, die dann einfach zu ignorieren, finde ich schon problematisch. Immerhin sehen die meisten Fans doch die Folgen wegen des Duos und der übrigen Stammbesetzung. Jede Folge isoliert betrachtet wäre eventuell noch okay, aber so hat das nun gar keinen Zusammenhang mehr. Also mich irritiert es.
    Außerdem sind ‚Der dunkle Fleck‘ und ‚3x schwarzer Kater, zwei Highlights der Reihe, schließlich auch von Cantz/Hinter, und gerade da ist Boerne längst nicht so holzschnittartig gezeichnet wie in Hinkebein oder Summ, Summ, Summ.
    Von Boerne abgesehen war die Folge ja gar nicht so übel, Klemm und der Schlagerkönig haben mir gut gefallen.

    • Also ich kann sagen, dass ich so ziemlich alle Folgen der anderen Tatort-Teams für sich isoliert betrachte. Da merke ich mir kaum, was sechs Monate vorher passiert ist. Und ich bin bisher davon ausgegangen, dass das bei mindestens 90 Prozent der anderen Zuschauer, die den Tatort zwar gern gucken, aber keine besonderen Fans sind, genauso ist. Bei Münster stören mich manche Ungereimtheiten auch, aber das liegt daran, dass ich da wesentlich involvierter bin.

      • Es gibt Tatorte mit mehr und andere mit weniger Kanon. Dellwo/Sänger beispielsweise war einer, bei dem man schon wissen musste, was im Leben der Ermittler so vor sich geht bzw. welche Entwicklung bisher passiert ist, sonst hat man meist die Nebenhandlung nicht verstanden.
        Bei Münster ist es nicht so schlimm, eigentlich muss man nur die Grundeigenschaften der Figuren kennen. Aber genau das finde ich schade. Wenn schon mal eine Entwicklung eingeleitet wurde, dann sollte sie auch fortgeführt werden und nicht wieder alles bei Null beginnen. Thiel und Boerne leben doch jetzt weiß Gott schon lange genug nebeneinander, dass sie sich nicht in jeder Folge von neuem kabbeln müssen, als seien sie gerade eingezogen. „Wolbeck“ hatte diese Weiterentwicklung. „Summ“ hat sie wieder gekillt.

        • Irgendwann muss ich wohl doch „Wolbeck“ ein zweites Mal angucken, weil ich mich beim besten Willen an keine Entwicklung erinnern kann. Ich sehe Boerne immer in seinem Cowboy-Outfit vor mir, und dann graust es mich einfach nur.

          „Gekabbelt“ haben sie sich in „Wolbeck“ auch. Sogar mehr als das. Ihre Streitereien wegen des Schachspiels habe ich als recht heftig in Erinnerung.

          • Ich hab’s mir kürzlich wieder angesehen. Und festgestellt, dass es in erster Linie die Bildschnitte sind, die so irritieren. In der gestrigen Folge war alles wieder so, wie man es gewohnt ist – Person 1 frontal, Person 2 frontal, beide Personen seitlich im Dialog. In Wolbeck wird permanent geschnitten und jede Person aus mindestens 3 Perspektiven in sehr kurzen Abständen gezeigt. Ich empfand das als filmischen Kubismus – etwas, das wohl eher in einen Kunstfilm passt, als in einen Tatort, deshalb aber noch nicht schlecht ist. Es ist anders.

            Das Gezank wegen der Schachpartie war heftig, ja, aber es war nicht auf solchem Schulstück-Niveau wie das gestern. Da stritt sich wenn du willst ein altes Ehe- oder Freundespaar, das sich wirklich schon lange kennt. Da war die Vertrautheit zu spüren, auch wenn sie sich nicht um den Hals fielen. Und nicht nur zwischen Thiel und Boerne, sondern auch zwischen Boerne und Alberich. Und: Es gab mal keine Zwergenwitze! Mir wird schlecht, wenn sich auf FB ein paar ganz lustige über diesen humortechnischen Super-GAU mit Danny DeVito abeumeln. Das ist ein Witz, der ungefähr so schlecht und peinlich ist, wie die Neger-Diskussion in „Ruhe sanft“. Man möchte brechen. (Zitat Snape)

  4. Ich habe „Ruhe sanft“ auch neulich in der Wiederholung gesehen. Ich find ihn besser als „Tempelräuber“. „Summ, summ, summ“ habe ich gestern in der Mediathek angesehen und fand ihn erstaunlich langweilig. Nicht albern, nicht entsetzlich, wie etwa „Das Wunder von Wolbeck“, sondern einfach nur öde… Meine Favouriten sind nach wie vor: „Das zweite Gesicht“ und „Wolfsstunde“.

  5. So, ich habe jetzt den Tatort noch einmal ganz in Ruhe gesehen, ohne Störungen.
    Ich komme zu dem Schluss, das Boerne nicht ganz so schrecklich ist wie es mein erster Eindruck war. Es waren ein paar Sachen dabei, die waren dann doch ganz ok. Einige. Wenige. Aber dafür ist mir Thiel ein Stück negativer aufgefallen als beim ersten Anschauen, ihm sind ständig so blöde Sprüche in den Mund gelegt worden, das ist mir Sonntag nicht so bewusst geworden. Im „Wunder von Wolbeck“, den Krien-Brüdern gegenüber, deren IQ zusammengenommen nicht den einer Stubenfliege übertrifft, fand ich das lustig. Gegenüber Boerne ist es normal. Aber gegenüber Nadeshda zum Beispiel finde ich das absolut unpassend. Insgesamt sind sie für mich beide nicht sehr gut weggekommen.
    Da war allerhand, was mir besonders auf den Geist ging bei Boerne, zu viel, um es aufzuzählen. Schön fand ich immer noch die Bienen-Suche im Hotelzimmer und angenehm normal gleich relativ zu Anfang die Autopsie des ersten Mordopfers, vielleicht mal abgesehen von diesem Danny DeVito-Witz. Wobei ich da still sein muss, in meinen Geschichten sind auch immer mal wieder Zwergenwitze zu finden. Die ich aber bislang nie als so schlimm empfunden habe, weil Christine Urspruch so wunderbar damit umgeht. Naja, wie auch immer. Es war schlecht, aber nicht das Allerschlechteste.

    Gemessen an dem was mir wichtig ist (wie dämlich ist Boerne und wie gut arbeiten sie zusammen bzw. wie ist die Chemie zwischen T/B), liegt dieser Tatort trotzdem sehr weit hinten.
    ‚Hinkebein‘ ist mein all-time-low, sehr dicht gefolgt von ‚Herrenabend‘ und ‚Das zweite Gesicht‘. Dann kommt Wolfsstunde‘ und den fünftletzten Platz hat sich ‚Summ summ summ‘ erobert. Meine Negativrangliste.

  6. Ja, du hast Recht, darüber haben Nina und ich einen Beitrag weiter „hinten“ gestern auch schon gesprochen. Ich denke auch, dass das auf diese Rede zurückzuführen ist.

    • „sorry, das habe ich übersehen“
      -> so war das nicht gemeint. Ich wollte damit nur sagen, dass wir darüber hier und später in Emails auch schon spekuliert haben.

      • … und ich finde den Witz immer noch unterirdisch. Dass er von JJ selbst kommt, ändert nichts an meiner Meinung. Es ist nur traurig.
        Ich weiß nicht, warum es so viele OK finden, darüber zu lachen. Was wäre, wenn’s um sexuelle Orientierung ging? Oder um Hautfarbe? Man stelle sich vor, die Assistentin in Münster wäre schwarz, und JJ hätte bei der Preisverleihung denselben Satz bezogen auf einen beliebigen schwarzen Schauspieler gesagt. Wie tief ist das denn? Sorry, nicht mein Humor.

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