Jan Josef Liefers

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Tatort – ‚Die chinesische Prinzessin‘ (2013)

4 Kommentare

Inhalt:

tatort chinesische prinzessinDer Fall beginnt, wie es sich für einen Tatort gehört, mit einer Leiche: Nachts im Wald wird ein asiatisch aussehender Mann erschossen. Ein anderer flüchtet mit einem USB-Stick, der wichtig zu sein scheint. Dann Szenenwechsel: Thiel feiert stark angeheitert mit Nadeshda seinen Geburtstag. Währenddessen lernt Boerne auf einer Vernissage die Künstlerin Songma kennen, die eine echte chinesische Prinzessin ist. Die Dame langweilt sich und möchte lieber Boernes ‚Leichenkeller‘ sehen. Die morbide Umgebung scheint sie zu animieren, nach einer Linie Kokain kommt sie  mit Boerne zur Sache.

Am nächsten Morgen ist sie tot, und Boerne wird bewusstlos neben ihr auf dem Boden gefunden mit der Tatwaffe, einem Skalpell, in der Hand. Er kann sich an nichts erinnern, in seinem Blut wird jedoch eine beträchtliche Menge Kokain festgestellt. Der Fall scheint klar zu sein, und Boerne kommt in Untersuchungshaft.

Unterdessen sieht man jedoch immer wieder geheimnisvolle Asiaten, die die Ermittler beschatten. In der Wohnung der Toten trifft Thiel einen Mann an, der zunächst flieht, sich dann aber als chinesischer Diplomat erweist.  Und was haben Songmas Assistentin, deren Verlobter, der Kurator des Museums und der Tote im Wald mit all dem zu tun?

von Gabi

Gastdarsteller

  • Huichi Chiu
  • Aaron Le
  • Tonio Arango
  • Yvonne Yung Hee
  • Nick Dong-Sik
  • Yu Fang
  • Thomas Meinhardt
  • Maverick Quek
  • Bernhard Marsch
  • Katja Heinrich


Gabi meint:

Ein ungewohnt ernster Münster-Tatort. Anfangs ist zwar alles wie immer, Boerne überrascht nicht wirklich mit der Tatsache, dass er auch chinesisch kann, und macht sich erst mal mit einem Kotau vor der Prinzessin zum Affen. Mit starken Frauen ist er ohnehin überfordert, die Avancen der Schönen machen ihm eher Angst. Thiels trotz Trunkenheit immer noch zaghafte Flirtversuche mit Nadeshda entsprechen auch den Erwartungen, Vater Thiel hat seinen Auftritt. Nichts wirklich Neues.

Durch Boernes Verstrickung in den Fall besteht im weiteren Verlauf wenig Raum für die üblichen Wortgefechte. Der Fall ist undurchsichtig, es ist nicht einfach, die verschiedenen Gruppierungen – chinesischer Geheimdienst, chinesische Mafia, Regimekritiker – auseinanderzuhalten. Trotzdem ist es einigermaßen spannend, wenn auch nicht immer logisch. Das Thema gibt sich politisch, ist aber nur Kulisse für das eigentliche Thema, nämlich den Wandel in den Beziehungen der Hauptcharaktere zueinander.

Isoliert als Kriminalfilm hätte dieser Tatort wohl kaum funktioniert. Mehr als alle anderen Tatorte lebt Münster nicht nur vom bekannten Humor, sondern von der Dynamik der Figuren. Man stelle sich die Handlung der chinesischen Prinzessin mit unbekannten Darstellern vor. Ob das wirklich jemand hätte sehen wollen?

Als Teil der Reihe (und als Reaktion auf die zunehmende Kritik an den letzten Folgen, in denen der ‚Klamauk‘ teilweise überzogen schien) funktioniert die Folge jedoch sehr gut. Thiels echte Sorge zu Beginn, Boernes Dankbarkeit und der Respekt vor Silke Haller sind als Gegengewicht zu den allzu klischeehaften letzten Folgen, allen voran ‚Summ, Summ, Summ‘, für meine Begriffe dringend notwendig. In dieser Hinsicht knüpft diese Folge eher an ‚Satisfaktion‘ an, erreicht aber nicht deren Klasse.

Jetzt genau so weiter zu machen wäre allerdings fatal, denn die selbstironische Distanz und der Wortwitz sind Münsters Stärke und Markenzeichen. Für die nächsten Folgen erhoffe ich wieder einen gesunden Mix aus Humor und Charaktertiefe.


Jolli meint:

Der Unterschied zu „Summ, Summ, Summ“ könnte größer nicht sein. Statt dem fast abgedroschenen Klassiker der enttäuschten Zuneigung, die sich in Mordgedanken wandelt, wird es diesmal hochpolitisch. Wer sich lieber im seichten Sonntagabendmodus berieseln lassen wollte, war hier fehl am Platz. Wenn man es mit Geheimdienst und Mafia zu tun bekommt, ist Mitdenken angesagt, sonst hätte man schnell den Faden verloren. Aber mal ehrlich, wer lieber leichtverdauliche Paradieslaune konsumieren will, soll doch bitte stattdessen aufs ZDF-Herzkino umschalten. Wer eine einigermaßen intakte Allgemeinbildung besitzt, der hat auch den Kern der Thematik verstanden. Zumal das Thema Mafia für Münster durchaus Relevanz besitzt.

In einem kann ich Gabi zustimmen: als eigenständiger Krimi hätte dieser Fall insofern nicht funktionieren können, als dass er fast ganz auf seine Charaktere setzt. Doch eigentlich ist genau das der Vorteil einer Reihe/Serie. Nach elf Jahren Tatort-Münster muss das Team sicher nicht mehr um Anerkennung kämpfen und die bereits bestehende – durchaus große – Fangemeinde wurde bestens bedient.

Der Fall mag Lücken haben, daran lässt sich nichts leugnen. Wer genau aufgepasst hat, kann die Theorie vom Tathergang mühelos zusammenbrechen lassen und dann wäre da natürlich noch die völlig ausgeblendete Frage nach Thiels Befangenheit, die ich durchaus für wichtig erachtet hätte, schließlich würde man eigentlich nicht gerade den Hauptverdächtigen in seinem eigenen Fall ermitteln lassen, nicht einmal wenn der Karl-Friedrich Boerne heißt.

Das sind Detailfragen, so viel steht fest. Den Tatort-Machern kann darin aber nur wenig Vorwurf gemacht werden, schließlich haben sie genau damit zu kämpfen, was auch jeden anderen Krimi vor Herausforderungen stellt: wie verpackt man einen Fall in gerade mal 90 Minuten und das auch noch mit einem stark beschnittenen Budget?

Diese Folge überzeugt, weil sich die Charaktere endlich so benehmen, wie man es sich schon lange von ihnen gewünscht hat. Es wirkt, als hätten die Tatort-Macher die Fangebete erhört (obwohl ich annehme, dass das Drehbuch schon vor der letzten Diskussion entstanden war).
„Die chinesische Prinzessin“ beweist, dass Thiel und Boerne auch ohne erzwungenes Gekeife auskommen und ein eingespieltes Team sein können, wenn es darauf ankommt.

Der Humor geht trotz der Ernsthaftigkeit dieser Folge keineswegs verloren. Besonders Thiels „Nicht-Dummheit“ ist sehr amüsant und ganz nebenbei kann Friederike Kempter endlich mal aus dem Schatten der gehorsamen Jungkommissarin heraustreten.
Boerne als leicht tollpatschiger Helfer, der selbst in riskantesten Situationen sein Wissen über chinesisches Feuerwerk kundtun muss, lockert das Ganze ebenfalls auf.

Boerne ist diesmal viel „zahmer“, als noch in den vorherigen Folgen, was dem Charakter sehr gut tut. Ja, man könnte fast sagen, der sonst so wortgewandte Professor wirkt sogar schüchtern, wenn Songma ihre Absichten klarmacht. Dass sich Boerne zu dominanten Frauen hingezogen fühlt, wurde auch früher schon deutlich, aber diesmal wird ihm das beinahe zum Verhängnis.
Selbst unter Mordverdacht zu stehen und die Erfahrung zu machen, was es heißt, im Gefängnis zu sitzen, zeigt ihm erstmals Grenzen auf, die ihm vorher so sicher nicht bewusst waren. In einer solchen Situation erkennt er, was er an den Menschen hat, die trotz allem zu ihm halten.

Der Schluss hinterlässt einen süßsauren Nachgeschmack, der für einen Münster-Tatort ungewöhnlich ist. Wenn Boerne sich in seine Rechtsmedizin zurückzieht, um nachzudenken und seine Assistentin mit „Frau Haller“ anspricht, dann wird deutlich, dass ihm bewusst wurde, wie zerbrechlich doch eine Existenz ist, die man sich aufgebaut hat.
Thiel und Boerne – beide ohne Glück in der Liebe – verstehen sich auch ohne Worte, das zeigt die letzte Szene, die den Zuschauer nachdenklich auf dem Fernsehsofa zurücklässt.

„Die chinesische Prinzessin“ ist anders, das steht außer Frage. Die Folge geht weitaus sensibler mit der Balance aus Witz und Ernsthaftigkeit um und sie setzt viel deutlicher auf Charakterzeichnung. Genau dieses Konzept macht sie für mich zu einer sehr guten Leistung.
Nun ist aber Vorsicht für die Zukunft gefragt. Diese Ereignisse haben die Charaktere geprägt, das darf in den weiteren Folgen nicht einfach ignoriert werden!


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4 Kommentare zu “Tatort – ‚Die chinesische Prinzessin‘ (2013)

  1. Ich weiss nicht, was ich von dieser Folge wirklich halten soll. Die Geschichte als solche finde ich nun wahrlich sehr an den Haaren herbei gezogen. Warum sollte jemand, der dies Chinesin tötet, Boerne leben lassen? Wenn man Boerne leben lässt, ist es guten Forensikern ein leichtes seine Unschuld zu beweisen. Triaden, Bürgerrechtler. Ein wenig zu …….. unrealistisch. Zu der Story passt dann natürlich auch kein Wortzwitz. Die letzen Minuten haben es für mich herausgeholt. Ansonsten Durchschnitt.

  2. Eine Frage an die Kenner dieser Folge. Ich habe sie erst einmal gesehen und ich muss gestehen, dass sie – wie oben beschrieben – nicht mein Ding ist. Ich werde sie mir allerdings morgen noch einmal anschauen. Was ich bislang noch nicht begriffen habe ist der wirkliche Tathergang. Das Mordopfer zieht sich eine Line (was einen Boerne, wie ich ihn – vielleicht falsch – interpretiert hätte, hätte abschrecken müssen. Die beiden sind noch nicht sehr intensiv miteinander beschäftigt, als der Mörder die Szene betritt. Der Mörder schein auch kein sonderlich großer Mann zu sein. Wie konnten sich Boerne und das Mordopfer, die zu zweit waren , überwältigen lassen? Danke schon mal für Eure Hilfe.

    • Tja, die Szenen sind wohl mit Absicht nie verfilmt worden, sondern rein deiner Phantasie überlassen. 😉

      In meinen Augen sind weder Boerne noch Songma davon ausgegangen, dass von Yu-Tang tödliche Gefahr ausgeht. Er wird nah an die beiden herangetreten sein und Boerne dann mit seinem Angriff überrascht und niedergeschlagen haben.
      Dass die zugekokste Prinzessin danach keine große Chance gegen ihn hatte, finde ich jetzt nicht so unwahrscheinlich.

      • Absolut einleuchtend. Danach hat er den Tatort inszeniert. In der Szene, wo sich Boerne erinnert ist die Prinzessin vollkommen bekleidet. Als sie tot aufgefunden wird, ist die Bluse aus.

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