Jan Josef Liefers

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Tatort – ‚Summ, summ, summ‘ (2013)

Inhalt:

summ summ summ 4Diesen Einkauf wird Karl-Friedrich Boerne so schnell nicht wieder vergessen. Nicht, weil er genau auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt eine erdrosselte Unbekannte in einem Container in Augenschein nehmen muss, sondern weil seine besonders günstig erstandene Kiste Bio-Bananen ausgerechnet die Behausung für ein hochgiftiges Bananen-Spinnen-Pärchen ist, das es sich jetzt in Boernes Wohnung gemütlich macht und so den Rechtsmediziner dazu zwingt, in einem Hotelzimmer Zuflucht zu suchen.

Thiel geht es da nicht viel besser, denn dank eines noch nicht reparierten Lochs in der Wand steht den Spinnen der Weg in seine Wohnung offen. Er muss bei seinem Vater unterkommen, der neuerdings Bienen züchtet und seinen alten Kumpel Manni Pleuger (Guntbert Warns) bei sich wohnen lässt.

Während Thiel also noch immer versucht, die Identität der Toten zu klären, freundet sich Boerne mit dem Schlagerkönig Roman König an, der seine Nachbarsuite bewohnt und überraschenderweise seine Leidenschaft für Wagner teilt. Münster steht Kopf, denn Königs Fans warten schon sehnsüchtig auf sein Konzert. Das ruft auch Thiel auf den Plan, denn die Tote besaß eine Ehrenkarte für Königs Konzert, doch dieser beteuert, die Frau nicht zu kennen.
Verdächtig kommt dem Hauptkommissar jedoch die junge Christiane Stagge (Fritzi Haberlandt) vor, bei der es sich offenbar um eine hingebungsvolle Stalkerin handelt, die König durch ganz Deutschland folgt. Sehr zum Leidwesen von Ina Armbaum (Ulrike Krumbiegel), Königs Managerin, die ein wachsames Auge auf ihren Schützling hat.

Erst als Thiel hinter die Identität der Toten kommt – es handelt sich um die Bremer Journalistin Claudia Schäffer– kommt etwas Licht in die Sache. War die Frau einem Skandal im Bezug auf den Schlagerkönig auf der Spur? Und was hat die Hausfrau Susanne Siebert (Petra Kleinert) damit zu tun, deren Adresse noch in Schäffers Navigationsgerät gespeichert war? Dann muss Thiel auch noch feststellen, dass Manni offenbar einst ein Kumpel von König war, mit dem er noch eine alte Rechnung offen hat.

Die Lage spitzt sich zu, als Ina Armbaum bewusstlos im Treppenhaus und König tot in seinem Bett aufgefunden wird. Der Verdacht fällt schnell auf Manni, der zuvor noch selbst von Thiel am Tatort gesehen wurde. Aber kommt er wirklich als Täter in Frage? Oder steckt nicht doch die eifersüchtige Christiane hinter alldem? Erst als Thiel schon fast glaubt, den Fall gelöst zu haben, wendet sich das Blatt schlagartig und bringt nicht nur Boerne in ernsthafte Gefahr.

von Jolli

Gastdarsteller

  • Ulrike Krumbiegel
  • Fritzi Haberlandt
  • Guntbert Warns
  • Petra Kleinert
  • Roland Kaiser
  • Peter Clös
  • Moritz Heidelbach

 


Jolli meint:

Es ist Montagmorgen und ich schreibe diese Rezension ganz bewusst, ohne vorher irgendwelche Presserevues gelesen zu haben. Ich frage mich, in welchem Loch die Kritiker nun diesmal herumbohren wollen. Mangelnder Lokalkolorit? Vielleicht, denn eigentlich gab es nur zwei wesentliche Schauplätze in dieser Folge: den Supermarkt und das Hotel Prinzipal. Beides hätte man ohne weiteres auch in jede andere Kleinstadt Deutschlands setzen können. Aber die nötige Verankerung mit Münster war diesmal wohl nicht durch Drehorte, sondern durch eine Person gegeben, nämlich Roman König, alias Roland Kaiser, der zwar nicht wie König ein Kind der Stadt, aber ein bekannter Wahl-Münsteraner ist.

Betrachten wir lieber Streitpunkt Nummer zwei: Krimi oder ein anderes Wort mit „K“, das doch allzu gern in der Presse benutzt wird. Wirft man dem Duo doch immer wieder vor, sich nur mit sich selbst statt mit einem Kriminalfall zu beschäftigen, kann ich davon in dieser Folge doch nicht viel beobachten. Natürlich sind beide mal wieder persönlich in die Angelegenheit involviert: Thiel wohnt unfreiwillig mit einem Verdächtigen unter einem Dach und Boerne freundet sich ausgerechnet mit einem Schlagerstar an, der später mal auf seinem Tisch landen wird. Aber, meine lieben Kritiker, das ist ja das Salz, das die Macher des Münster-Tatorts gerne in die Suppe streuen.

Die Wortgefechte mögen manchmal mehr, manchmal weniger zum Lachen anregen, das ist bekanntlich Geschmackssache. Gerade Thiels Sarkasmus war an vielen Stellen überzogen, Boernes Blindheit vor seiner eigenen Egozentrik hingegen wunderbar treffsicher.
Wesentlich positiver im Vergleich zu „Das Wunder von Wolbeck“ empfand ich dagegen Drehbuch und Inszenierung. Indem die Macher die Hektik der vorangegangen Folge herausnahmen, blieb dem Zuschauer hier wieder mehr Zeit, sich auf den Moment und damit auch auf den Fall und die Charakteren zu konzentrieren.

Was erfahren wir über Boerne? Nun, er ist auf jeden Fall kein Schlagerfan, soviel steht fest (ganz im Gegensatz zu Staatsanwältin Klemm, die ihre Leidenschaft nur bedingt verbergen kann und während des Konzerts mal erheiternd andere Seiten von sich preisgibt *g*). Dafür ist er hin und weg von der Tatsache, dass er jemanden gefunden hat, mit dem er über Wagner philosophieren kann und überraschend schnell per Du mit seinem neuen Freund ist, wohingegen mit Thiel auch nach über zehn Jahren ein Bruderschaftsbund nur in stockbetrunkenem Zustand erreicht wurde.

Fraglich ist, in wieweit sich Boerne ein kleinwenig in Königs Glanz der Berühmtheit zu sonnen versucht. Wo wir schon beim Thema Fanhype und Stalkern wären, sollte dieser Aspekt durchaus angesprochen werden, auch wenn er meiner Meinung nach im Fall ziemlich unterging.
Eigentlich besitzt Boerne in der gegebenen Situation doch sonst immer den nötigen Charme um zu bekommen was er will, gerade was die Damenwelt angeht. Hier bekommt er nur über seine Beziehung über König seinen ersehnten Kaffee.

Vielleicht aber – und hier bewegen wir uns schon sehr weit im Bereich der freien Interpretation – haben Boerne und König auch etwas gemeinsam: sie haben zwei Gesichter. Das, das sie nach außen hin jeden Tag zeigen und das, das sie meist vor anderen verstecken. König macht seine Karriere mit Schlagern, aber dieses Kostüm gibt er abends an der Garderobe ab. Auch Boerne verbirgt den ein oder anderen Wesenszug gern vor anderen.

Aber eines geht  mal gar nicht, Herr Professor: kleinwüchsige Assistentinnen schwere Kisten schleppen lassen! Bei aller Liebe, soviel Chauvinismus ist mir dann doch ein Tick zu übertrieben. Das Zusammenspiel Boerne-Alberich war zwar ansonsten sehr amüsant (man denke an den Einkaufswagen, der plötzlich allein weiterfährt), doch die ein oder andere Stelle passt dann doch nicht so ganz in das Bild, das man sonst von den beiden hat.

Der Showdown im Dampfbad war dann noch die Gelegenheit für Thiel, seinem Kollegen mal wieder aus der Klemme zu helfen. Manch anderer Krimi hätte die Szene wohl noch stärker dramatisiert, aber das wäre dann wohl doch etwas zu viel des Guten gewesen. Viel besser war dagegen, Boerne vor Alberich zu Kreuze kriechen zu sehen und die amüsante Schlussszene zweier Spinnen, die ihrem Wellness-Urlaub entgegensehen.


Anne meint:

Boerne ist in dieser Folge wieder sein „altes garstiges Selbst“ – egozentrisch, ignorant, eingebildet, ohne Empathie und  jegliches Taktgefühl. Jedoch fehlt mir in dieser Folge das Gefühl, dass der Professor auch anders könnte. Er wirkt mehr und mehr „böswillig“ ignorant und Thiel reagiert daraufhin, über das normale Maß hinaus, ungehalten. Vorher hatte man immer den Eindruck sie können nicht mit und auch nicht ohne einander, was hier in einigen Szenen leider nicht den Anschein macht. Das zeigt sich ganz deutlich in der Szene als Boerne die Frauenleiche im Container untersucht, sich darüber auslässt, warum er überhaupt dorthin zitiert wurde und sich von einem, sichtlich genervten, Thiel alles aus der Nase ziehen lässt. Als er dann noch klar macht, dass er erst einkaufen war und  die Polizeikräfte warten ließ, verliert Thiel endgültig die Beherrschung. Allein das man einen Prof. Karl Friedrich Boerne mit Nachdruck zu einem Tatort rufen muss ist mehr als ungewöhnlich.  In früheren Folgen machte es auf mich immer den Eindruck, als würden beide die Arbeit des anderen, trotz ihrer offensichtlichen Differenzen, schätzen. Der Reiz dieses ungleichen Paars besteht letztendlich auch darin, dass es so scheint als wäre ihre gegenseitige Zusammenarbeit ein notweniges Übel, man aber im Grunde genau weiß, dass sie sich gegenseitig achten. Ich hoffe, dass die Autoren in den nächsten Folgen auch diese Beziehungsebene wieder aufgreifen werden.

Das Thiel und Boerne notgedrungen ihre Wohnung verlassen mussten, war hingegen wieder eine amüsante Nebenhandlung, die zu allerlei komischen Verwicklungen führte. So musste ich z.B. schallend lachen als ich Boernes „romantisch“ geschmückte Honeymoonsuite sah oder als er mit dem Professor vom Insektenschutz eine glühende Diskussion darüber führte, ob man den Tieren mit der chemischen Keule zu Leibe rücken  sollte.

Auch dass die Nebenrollen wieder stärker einbezogen wurden hat mir gefallen. Besonders Staatsanwältin Klemm als begeisterter Fan des Schlagersängers war eine schöne Idee.

An manchen Stellen wirkte die Handlung jedoch sehr konstruiert – der Kumpel des Vaters, der früher zufällig mit dem Schlagerstar einen Song produzierte und ihn dann erpresst, der Herr Professor, der zufälligerweise genau im selben Hotel wie Roman König residiert, woraufhin sich die beiden auch prompt, über die gemeinsame Liebe zu Wagner, anfreunden etc.

Am meisten ärgerte mich jedoch die schablonenhafte, wenig differenzierte Zeichnung der Charakterzüge Boernes und Thiels in dieser Folge.

Boerne ist der einsame, geizige, gefühlstaube Egoist der andere herum kommandiert, sich an seinem Lebensstandard ergötzt und das gemeine Volk missbilligt. Dieses Verhalten wird hervorgehoben mit vielen krampfhaften Dialogen, die um jeden Preis witzig sein wollen, zum Teil jedoch nicht gut durchdacht (Boerne kauft im Großmarkt riesen Mengen ein, da er, auf das Kilo hochgerechnet, billiger weg kommt. Da interessiert es nicht, dass diese Aktion an Idiotie nicht zu übertreffen ist und somit völlig kontraindiziert zum Charakterbild der Figur wirkt.)  oder einfach überzogen („Boernepedia“) sind. Daran kann auch Boernes halbherziger Versuch Alberich am Ende zu beschwichtigen nichts ändern. So wird aus intelligentem Witz der früheren Folgen platte Komik, was in diesem Fall einzig durch Jan Josef Liefers überzeugendes Spiel kompensiert werden konnte. Auch bei Thiel wurde nach diesem Prinzip gearbeitet. Er ist der gewöhnliche und einfache Bürger, was nicht weiter schlimm wäre, hätte man hier nicht gewöhnlich und einfach mit dumm gleichgesetzt. So hat es mich z.B. gestört das Thiel als Minderbemittelter herhalten musste um Boerne den nächsten Wortwitz in den Mund legen zu können (Stichwort: anaphylaktischer/analphabetischer Schock).

Den Figuren wird in dieser Folge kaum Raum gegeben um zu überraschen und auch andere Facetten, als die stets erwarteten, zu zeigen und ich würde mir wünschen, dass sich das wieder ändert.


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Tatort – ‚Hinkebein‘ (2012)

Inhalt

Tatort Hinkebein (7)Einst hatte Katja Braun Mann und Kind und arbeitete als Kriminalbeamtin in Münster, doch inzwischen ist ihr Leben steil bergab gegangen. Männergeschichten und Alkoholprobleme haben ihre Familie zerstört und sie ihren Job gekostet. Jetzt arbeitet sie als Putzfrau im Westfälischen Hof, frönt noch immer dem Alkohol und hat ein zerrüttetes Verhältnis zu ihrer Tochter Marie.
Als sie ihre Vergangenheit einholt, wendet sie sich ausgerechnet an Boerne, mit dem sie vor einigen Jahren eine Affäre gehabt hat. Dieser ist zwar überrascht von ihrem plötzlichen Auftauchen, leiht ihr aber bereitwillig die 1000 Euro, da sie angeblich wegen Geldsorgen ihre Miete nicht bezahlen kann und sonst auf der Straße stehen würde.

Boerne ahnt nicht, dass Katja in Wahrheit andere Pläne hat, doch am nächsten Morgen wird sie, nur mit einer Unterhose bekleidet, tot auf der Straße aufgefunden. Thiel rätselt nicht nur über Täter und Motiv, auch der Tathergang  ist unklar, denn es scheint, als sei Katja an einem Herzstillstand bedingt durch Erfrieren gestorben. Doch dafür herrschten nicht die passenden Temperaturen.

Obwohl Thiel eigentlich eine russische Delegation begleiten soll, die die Münsteraner Ermittlungsarbeit kennenlernen möchte, ist der Hauptkommissar froh, durch diesen Fall einen Grund zu haben, den offiziellen Anlässen zu entgehen.
Eine Spur führt Thiel zu Heinz Kock, der Hinkebein genannt wird, da er nach einer Schussverletzung eine Gehbehinderung hat. Der Zuhälter war vor einigen Jahren wegen Mordes an der Prostituierten Oksana verurteilt worden, hatte sich aber noch rechtzeitig nach Thailand absetzen können. Nun scheint er wieder im Lande zu sein und das barg nicht nur für Katja Braun Gefahren, die ihn einst überführt hatte. Auch Boerne fürchtet nun um sein Leben, denn er erstellte damals das Gutachten, das Kock überführte, wofür ihn dieser mit dem Tod drohte.

Tatsächlich taucht Kock eines Abends in Boernes Wohnung auf und bedroht ihn mit einer Waffe, doch dann muss er vor Thiel fliehen, der ihn schließlich nach einer Verfolgungsjagd stellt. Kock streitet weiterhin ab, der Mörder von damals zu sein, und ebenso dementiert er den Mord an Katja Braun. Auch die Pistole, mit der er Boerne bedroht hat, war nicht echt.

Kock fühlt sich betrogen. Er ist überzeugt, dass Katja und Boerne ihm damals den Mord nur unterjubeln wollten, um den wahren Mörder zu decken. Der Rechtsmediziner streitet diesen Vorwurf ab, doch er weiß auch, dass Katja immer schon ihre Geheimnisse gehabt hatte und zieht es deshalb in Betracht, dass Kock Recht haben könnte. Aber wer war dann der Mörder von Oksana und Katja?

Thiel ermittelt auch in der Familie des Opfers und sieht sich mit einem verbitterten Exmann und einer Tochter konfrontiert, die ihre Mutter verachtete. Beide scheinen allerdings ein Alibi zu haben, auch wenn Thiel das Gefühl nicht los wird, dass Marie ihm etwas verheimlicht.
Als dann endlich der entscheidende Hinweis auftaucht, der all diese Fragen beantwortet, wird die Situation brenzlig.

von Jolli

Gastdarsteller

  • Michelle Barthel
  • Arndt Schwering-Sohnrey
  • Tanja Schleiff
  • Ole Puppe
  • Wolfram Koch
  • Susanne Tremper
  • Alexander Milo
  • Ilse Strambowski
  • Ingo Tomi
  • Martina Eitner-Acheampong
  • Moritz Heidelbach


Jolli meint:

12 Millionen Menschen können sich nicht irren. Mit dieser Zuschauerzahl bricht der Tatort Münster alle Rekorde. Na, da bekommen die Kritiker große Augen, was? Vergeblich sucht man in dieser Folge nach einem besonders gewieften, spannenden Kriminalfall, aber wer sowas verlangt, der muss schon lange nicht mehr einschalten, wenn Thiel und Boerne ermitteln. Hier geht es nicht mehr um Standard-Krimi Geplänkel, sondern um 90 Minuten amüsante Dialoge und augenzwinkernde Anspielungen, die auf skurrile Weise immer wieder für Überraschungen sorgen.
Natürlich sieht der ganze Mord nach einer ganz normalen Beziehungstat aus. Trotzdem wird es nie langweilig bei der Klärung des Falls zuzusehen, weil alle Figuren mit ihren einzigartigen Charakterzügen aufwarten können.

So natürlich auch Boerne. Warum soll immer nur der Kommissar etwas mit dem hübschen Mordopfer gehabt haben? Von einer wahren Liebesgeschichte kann hier aber wohl kaum die Rede sein. Als Katja den Rechtsmediziner völlig überraschend vor dem Institut anspricht, bringt sie ihn mit ihrer forschen Art ganz schön aus dem Konzept. Diese Frau hat es faustdick hinter den Ohren, das merkt man schnell. Eigentlich seltsam, dass Boerne sie nicht schon viel früher durchschaut hat. Liebe kann ja bekanntlich blind machen, aber wie wahre Gefühle sieht das nicht aus. Natürlich ist er geschockt, als er erfährt, dass sie tot ist. Wenn man aber seine Reaktion mit der vorherigen Episode vergleicht, wird klar, dass Katja ihm einst wohl ganz schön den Kopf verdreht hat, doch das ganze wohl eher eine Art Abenteuer als eine ernsthafte Beziehung gewesen war. Treue war für diese Frau sowieso immer ein Fremdwort. Was das angeht, scheint Boerne wohl vom Pech verfolgt, denn auch seine Frau ließ ihn ja einst für einen anderen sitzen.

Zumindest ist er aber sofort bereit, ihr die 1000 Euro zu leihen, obwohl er sie schon so lange nicht gesehen hat. Wahrscheinlich ahnt er schon, dass er das Geld nie wieder sehen wird. Er hat seine Lektion bereits gelernt, aber vermutlich tut sie ihm auch leid, deshalb lässt er sich auf das ganze ein. Schmunzeln muss man aber schon, wenn sie ihn „Tiger“ nennt, was ihm sichtlich peinlich ist. Da kann sich jeder selbst seinen Teil denken, wie er wohl zu so einem Spitznamen gekommen ist.

Manch ein Zuschauer muss sicher genau wie Thiel schlucken, als Boerne den Leichnam ohne mit der Wimper zu zucken aufschneidet und dabei ungeniert aus dem Nähkästchen plaudert, wie er und Katja sich einst kennengelernt hatten. Dass er danach noch ganz lässig nach seinem Geld fragt setzt dem ganzen noch eins oben drauf.
Aber ist Boerne deshalb kaltschnäuzig oder gefühllos? Wohl kaum. Auch in der Vergangenheit hat er schon Menschen, die ihm nahe standen obduziert. Die Tatort-Macher spielen absichtlich mit dieser Pietätsfrage, die in den Köpfen der heutigen Gesellschaft festsitzt. Boerne macht eben seinen Job. Wenn er irgendwelche Zweifel hegen würde, wäre er schließlich kein Rechtsmediziner geworden.

Aber die Folge gibt noch mehr her als eine alte Beziehungskiste. Neben dem neuen Auto (ein Wiesmann passt zwar einerseits zu einem Snob wie Boerne, doch mir persönlich haben die früheren Autos besser gefallen) bekommen wir auch eine überraschende Vorliebe für die japanische Kultur bei ihm zu sehen. Beim morgendlichen Tai Chi sucht er seine innere Ausgeglichenheit und abends engagiert er extra eine private Koto-Spielerin, um seinen exquisiten Sushi-Genuss zu untermalen.

Aber von Ruhe kann in seinem Leben wirklich keine Rede sein. Als ihm klar wird, dass er womöglich das nächste Opfer auf Kocks Rachefeldzug sein kann, gerät er sichtlich in Panik. Wir haben ja schon einiges an mutigen Aktionen von ihm gesehen, wenn es darauf ankommt, aber ganz so unerschrocken ist Boerne sicher nicht. Lauernde Gefahr ist wirklich nicht sein Ding, deshalb stürmt er auch völlig aufgebracht mitten in eine Sitzung, um Polizeischutz zu fordern. Leider nimmt man ihn dort nicht ernst. Auch Thiel lässt sich nicht so richtig beeindrucken. Da greift der Professor mal wieder zu unkonventionellen Methoden und heuert sogar Thiel Senior als Bodyguard an. Dabei ist dem Zuschauer sofort klar, dass das nicht gut gehen kann. Dafür bekommen wir auch eine echt schräge Verfolgungsjagd von Thiel zu sehen.

Überhaupt klappt das Zusammenspiel zwischen Thiel und Boerne trotz der Meinungsverschiedenheiten hervorragend. Auch wenn sie sich in einem amüsanten Wortwechsel zwischen den Wohnungstüren ganz schön in die Haare bekommen und Boerne bei seinem Personenschutz wie üblich ein viel zu hohes Niveau erwartet, beeindruckt die Szene gegen Ende, als während der Geiselnahme eine kurze, heimlich ausgetauschte Geste zwischen den beiden aussagekräftig genug wirkt.  Die beiden arbeiten lange genug zusammen, um sich auch ohne Worte zu verstehen.


Gabi meint:

Mit Hinkebein tu ich mich überraschend schwer: soll ich die Folge genial finden oder mag ich sie nicht? Eigentlich schätze ich ja das Absurde, und diese Kritik in der Süddeutschen ist ziemlich zutreffend: Boerne ist nur schwer ernst zu nehmen (wofür er dann ja auch die Quittung bekommt, indem man ihn den Polizeischutz verweigert).

Was ich vermisse, ist ein wenig mehr Kontinuität zwischen den einzelnen Folgen. Dass die Überspitzung mal mehr, mal weniger stark ausfällt, mag noch angehen. Ich würde eine Trendwende argwöhnen,  fast schon bis zur Abstraktion der Charaktere, wenn es  nicht auch schon früher Folgen in der Art gegeben hätte; das gibt Anlass zur Hoffnung, denn, so witzig diese Art von Selbstparodie sein mag, wird sie mit der Zeit doch arg flach. Spannend an Münster ist ja eigentlich, dass die Charaktere trotz allem Tiefe besitzen, und ich fände es schade, wenn wir irgendwann eine reine Comedyserie bekämen, wenn auch auf hohem Niveau. Pointen sind am besten, wenn sie unvermutet kommen. Gerade Boerne hat diesmal die undankbare Aufgabe, seine Exzentrität, die bisher immer noch irgendwo stimmig war, ins Unglaubhafte zu treiben, diese Japan-Abend-Story will mir nicht in den Kopf – vielleicht auch nur, weil sie meiner These widerspricht, dass Boerne für sich allein eigentlich relativ normal ist und seine Marotten im Wesentlichen nur Schau sind. Warum soll er also ganz ohne Publikum … aber wer bin ich, mich über anderer Leute merkwürdige Hobbies zu wundern ;) …
Solche Sätze wie ‚Ich bin ein Mann aus Fleisch und Blut‘ und ‚Ja, es kam zum Äußersten‘ müssten aber trotzdem nicht sein. Wenn das Sarkasmus sein soll, dann war Boerne aber schon mal deutlich besser in Form. Naja, auch Chuck Norris   ein Genie wie Boerne hat mal einen schwachen Tag.

Fazit: Für eine Folge kann man das so lassen, es gab ja auch Highlights wie die Begegnungen mit Kock und Thiels Verfolgungsjagd. Künftig wünsche ich mir wieder mehr Differenziertheit.