Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite


44 Kommentare

Tatort – ‚Summ, summ, summ‘ (2013)

Inhalt:

summ summ summ 4Diesen Einkauf wird Karl-Friedrich Boerne so schnell nicht wieder vergessen. Nicht, weil er genau auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt eine erdrosselte Unbekannte in einem Container in Augenschein nehmen muss, sondern weil seine besonders günstig erstandene Kiste Bio-Bananen ausgerechnet die Behausung für ein hochgiftiges Bananen-Spinnen-Pärchen ist, das es sich jetzt in Boernes Wohnung gemütlich macht und so den Rechtsmediziner dazu zwingt, in einem Hotelzimmer Zuflucht zu suchen.

Thiel geht es da nicht viel besser, denn dank eines noch nicht reparierten Lochs in der Wand steht den Spinnen der Weg in seine Wohnung offen. Er muss bei seinem Vater unterkommen, der neuerdings Bienen züchtet und seinen alten Kumpel Manni Pleuger (Guntbert Warns) bei sich wohnen lässt.

Während Thiel also noch immer versucht, die Identität der Toten zu klären, freundet sich Boerne mit dem Schlagerkönig Roman König an, der seine Nachbarsuite bewohnt und überraschenderweise seine Leidenschaft für Wagner teilt. Münster steht Kopf, denn Königs Fans warten schon sehnsüchtig auf sein Konzert. Das ruft auch Thiel auf den Plan, denn die Tote besaß eine Ehrenkarte für Königs Konzert, doch dieser beteuert, die Frau nicht zu kennen.
Verdächtig kommt dem Hauptkommissar jedoch die junge Christiane Stagge (Fritzi Haberlandt) vor, bei der es sich offenbar um eine hingebungsvolle Stalkerin handelt, die König durch ganz Deutschland folgt. Sehr zum Leidwesen von Ina Armbaum (Ulrike Krumbiegel), Königs Managerin, die ein wachsames Auge auf ihren Schützling hat.

Erst als Thiel hinter die Identität der Toten kommt – es handelt sich um die Bremer Journalistin Claudia Schäffer– kommt etwas Licht in die Sache. War die Frau einem Skandal im Bezug auf den Schlagerkönig auf der Spur? Und was hat die Hausfrau Susanne Siebert (Petra Kleinert) damit zu tun, deren Adresse noch in Schäffers Navigationsgerät gespeichert war? Dann muss Thiel auch noch feststellen, dass Manni offenbar einst ein Kumpel von König war, mit dem er noch eine alte Rechnung offen hat.

Die Lage spitzt sich zu, als Ina Armbaum bewusstlos im Treppenhaus und König tot in seinem Bett aufgefunden wird. Der Verdacht fällt schnell auf Manni, der zuvor noch selbst von Thiel am Tatort gesehen wurde. Aber kommt er wirklich als Täter in Frage? Oder steckt nicht doch die eifersüchtige Christiane hinter alldem? Erst als Thiel schon fast glaubt, den Fall gelöst zu haben, wendet sich das Blatt schlagartig und bringt nicht nur Boerne in ernsthafte Gefahr.

von Jolli

Gastdarsteller

  • Ulrike Krumbiegel
  • Fritzi Haberlandt
  • Guntbert Warns
  • Petra Kleinert
  • Roland Kaiser
  • Peter Clös
  • Moritz Heidelbach

 


Jolli meint:

Es ist Montagmorgen und ich schreibe diese Rezension ganz bewusst, ohne vorher irgendwelche Presserevues gelesen zu haben. Ich frage mich, in welchem Loch die Kritiker nun diesmal herumbohren wollen. Mangelnder Lokalkolorit? Vielleicht, denn eigentlich gab es nur zwei wesentliche Schauplätze in dieser Folge: den Supermarkt und das Hotel Prinzipal. Beides hätte man ohne weiteres auch in jede andere Kleinstadt Deutschlands setzen können. Aber die nötige Verankerung mit Münster war diesmal wohl nicht durch Drehorte, sondern durch eine Person gegeben, nämlich Roman König, alias Roland Kaiser, der zwar nicht wie König ein Kind der Stadt, aber ein bekannter Wahl-Münsteraner ist.

Betrachten wir lieber Streitpunkt Nummer zwei: Krimi oder ein anderes Wort mit „K“, das doch allzu gern in der Presse benutzt wird. Wirft man dem Duo doch immer wieder vor, sich nur mit sich selbst statt mit einem Kriminalfall zu beschäftigen, kann ich davon in dieser Folge doch nicht viel beobachten. Natürlich sind beide mal wieder persönlich in die Angelegenheit involviert: Thiel wohnt unfreiwillig mit einem Verdächtigen unter einem Dach und Boerne freundet sich ausgerechnet mit einem Schlagerstar an, der später mal auf seinem Tisch landen wird. Aber, meine lieben Kritiker, das ist ja das Salz, das die Macher des Münster-Tatorts gerne in die Suppe streuen.

Die Wortgefechte mögen manchmal mehr, manchmal weniger zum Lachen anregen, das ist bekanntlich Geschmackssache. Gerade Thiels Sarkasmus war an vielen Stellen überzogen, Boernes Blindheit vor seiner eigenen Egozentrik hingegen wunderbar treffsicher.
Wesentlich positiver im Vergleich zu „Das Wunder von Wolbeck“ empfand ich dagegen Drehbuch und Inszenierung. Indem die Macher die Hektik der vorangegangen Folge herausnahmen, blieb dem Zuschauer hier wieder mehr Zeit, sich auf den Moment und damit auch auf den Fall und die Charakteren zu konzentrieren.

Was erfahren wir über Boerne? Nun, er ist auf jeden Fall kein Schlagerfan, soviel steht fest (ganz im Gegensatz zu Staatsanwältin Klemm, die ihre Leidenschaft nur bedingt verbergen kann und während des Konzerts mal erheiternd andere Seiten von sich preisgibt *g*). Dafür ist er hin und weg von der Tatsache, dass er jemanden gefunden hat, mit dem er über Wagner philosophieren kann und überraschend schnell per Du mit seinem neuen Freund ist, wohingegen mit Thiel auch nach über zehn Jahren ein Bruderschaftsbund nur in stockbetrunkenem Zustand erreicht wurde.

Fraglich ist, in wieweit sich Boerne ein kleinwenig in Königs Glanz der Berühmtheit zu sonnen versucht. Wo wir schon beim Thema Fanhype und Stalkern wären, sollte dieser Aspekt durchaus angesprochen werden, auch wenn er meiner Meinung nach im Fall ziemlich unterging.
Eigentlich besitzt Boerne in der gegebenen Situation doch sonst immer den nötigen Charme um zu bekommen was er will, gerade was die Damenwelt angeht. Hier bekommt er nur über seine Beziehung über König seinen ersehnten Kaffee.

Vielleicht aber – und hier bewegen wir uns schon sehr weit im Bereich der freien Interpretation – haben Boerne und König auch etwas gemeinsam: sie haben zwei Gesichter. Das, das sie nach außen hin jeden Tag zeigen und das, das sie meist vor anderen verstecken. König macht seine Karriere mit Schlagern, aber dieses Kostüm gibt er abends an der Garderobe ab. Auch Boerne verbirgt den ein oder anderen Wesenszug gern vor anderen.

Aber eines geht  mal gar nicht, Herr Professor: kleinwüchsige Assistentinnen schwere Kisten schleppen lassen! Bei aller Liebe, soviel Chauvinismus ist mir dann doch ein Tick zu übertrieben. Das Zusammenspiel Boerne-Alberich war zwar ansonsten sehr amüsant (man denke an den Einkaufswagen, der plötzlich allein weiterfährt), doch die ein oder andere Stelle passt dann doch nicht so ganz in das Bild, das man sonst von den beiden hat.

Der Showdown im Dampfbad war dann noch die Gelegenheit für Thiel, seinem Kollegen mal wieder aus der Klemme zu helfen. Manch anderer Krimi hätte die Szene wohl noch stärker dramatisiert, aber das wäre dann wohl doch etwas zu viel des Guten gewesen. Viel besser war dagegen, Boerne vor Alberich zu Kreuze kriechen zu sehen und die amüsante Schlussszene zweier Spinnen, die ihrem Wellness-Urlaub entgegensehen.


Anne meint:

Boerne ist in dieser Folge wieder sein „altes garstiges Selbst“ – egozentrisch, ignorant, eingebildet, ohne Empathie und  jegliches Taktgefühl. Jedoch fehlt mir in dieser Folge das Gefühl, dass der Professor auch anders könnte. Er wirkt mehr und mehr „böswillig“ ignorant und Thiel reagiert daraufhin, über das normale Maß hinaus, ungehalten. Vorher hatte man immer den Eindruck sie können nicht mit und auch nicht ohne einander, was hier in einigen Szenen leider nicht den Anschein macht. Das zeigt sich ganz deutlich in der Szene als Boerne die Frauenleiche im Container untersucht, sich darüber auslässt, warum er überhaupt dorthin zitiert wurde und sich von einem, sichtlich genervten, Thiel alles aus der Nase ziehen lässt. Als er dann noch klar macht, dass er erst einkaufen war und  die Polizeikräfte warten ließ, verliert Thiel endgültig die Beherrschung. Allein das man einen Prof. Karl Friedrich Boerne mit Nachdruck zu einem Tatort rufen muss ist mehr als ungewöhnlich.  In früheren Folgen machte es auf mich immer den Eindruck, als würden beide die Arbeit des anderen, trotz ihrer offensichtlichen Differenzen, schätzen. Der Reiz dieses ungleichen Paars besteht letztendlich auch darin, dass es so scheint als wäre ihre gegenseitige Zusammenarbeit ein notweniges Übel, man aber im Grunde genau weiß, dass sie sich gegenseitig achten. Ich hoffe, dass die Autoren in den nächsten Folgen auch diese Beziehungsebene wieder aufgreifen werden.

Das Thiel und Boerne notgedrungen ihre Wohnung verlassen mussten, war hingegen wieder eine amüsante Nebenhandlung, die zu allerlei komischen Verwicklungen führte. So musste ich z.B. schallend lachen als ich Boernes „romantisch“ geschmückte Honeymoonsuite sah oder als er mit dem Professor vom Insektenschutz eine glühende Diskussion darüber führte, ob man den Tieren mit der chemischen Keule zu Leibe rücken  sollte.

Auch dass die Nebenrollen wieder stärker einbezogen wurden hat mir gefallen. Besonders Staatsanwältin Klemm als begeisterter Fan des Schlagersängers war eine schöne Idee.

An manchen Stellen wirkte die Handlung jedoch sehr konstruiert – der Kumpel des Vaters, der früher zufällig mit dem Schlagerstar einen Song produzierte und ihn dann erpresst, der Herr Professor, der zufälligerweise genau im selben Hotel wie Roman König residiert, woraufhin sich die beiden auch prompt, über die gemeinsame Liebe zu Wagner, anfreunden etc.

Am meisten ärgerte mich jedoch die schablonenhafte, wenig differenzierte Zeichnung der Charakterzüge Boernes und Thiels in dieser Folge.

Boerne ist der einsame, geizige, gefühlstaube Egoist der andere herum kommandiert, sich an seinem Lebensstandard ergötzt und das gemeine Volk missbilligt. Dieses Verhalten wird hervorgehoben mit vielen krampfhaften Dialogen, die um jeden Preis witzig sein wollen, zum Teil jedoch nicht gut durchdacht (Boerne kauft im Großmarkt riesen Mengen ein, da er, auf das Kilo hochgerechnet, billiger weg kommt. Da interessiert es nicht, dass diese Aktion an Idiotie nicht zu übertreffen ist und somit völlig kontraindiziert zum Charakterbild der Figur wirkt.)  oder einfach überzogen („Boernepedia“) sind. Daran kann auch Boernes halbherziger Versuch Alberich am Ende zu beschwichtigen nichts ändern. So wird aus intelligentem Witz der früheren Folgen platte Komik, was in diesem Fall einzig durch Jan Josef Liefers überzeugendes Spiel kompensiert werden konnte. Auch bei Thiel wurde nach diesem Prinzip gearbeitet. Er ist der gewöhnliche und einfache Bürger, was nicht weiter schlimm wäre, hätte man hier nicht gewöhnlich und einfach mit dumm gleichgesetzt. So hat es mich z.B. gestört das Thiel als Minderbemittelter herhalten musste um Boerne den nächsten Wortwitz in den Mund legen zu können (Stichwort: anaphylaktischer/analphabetischer Schock).

Den Figuren wird in dieser Folge kaum Raum gegeben um zu überraschen und auch andere Facetten, als die stets erwarteten, zu zeigen und ich würde mir wünschen, dass sich das wieder ändert.


Links:


 


16 Kommentare

Tatort – ‚Der Fluch der Mumie‘ (2010)

Inhalt

Fluch der Mumie (5)So hat sich Thiel seinen freien Tag nun wirklich nicht vorgestellt. Erst funktioniert im ganzen Haus das Wasser nicht und als er dann, samt Boerne im Schlepptau, zu seinem Vater kommt, um dort zu duschen, erfährt er von diesem, dass er auf dem Dachboden der Familie Schorlemer beim Entrümpeln eine alte Mumie entdeckt hat.
Boerne ist natürlich hellauf begeistert und möchte sich sofort in die Arbeit stürzen, doch so einfach wird ihm das nicht gemacht, denn natürlich erhebt auch der Leiter des Archäologischen Instituts Dr. Wilfried Kastner Anspruch auf den antiken Leichnam.

Für diese Angelegenheiten fühlt sich Thiel nicht zuständig. Wohl aber für den Mord an einem Mitarbeiter der JVA, der an diesem Morgen von seiner Haushälterin erschlagen in seinem Haus aufgefunden wird. Etwas eigenartig kommt Thiel der Lebensstil des Opfers vor, denn Mathias Reinhardt lebte offensichtlich auf großem Fuß, was man bei seinem Gehalt eigentlich nicht erwarten würde. Schnell wird klar, dass Reinhardt nicht besonders beliebt war, schon gar nicht bei den Häftlingen, weil er es liebte, diese zu drangsalieren.

Einen von ihnen hatte er besonders auf dem Kicker: den jungen Andreas Lechner, der wegen Körperverletzung einsaß und just ein paar Stunden vor Reinhardts Tod entlassen wurde. Thiel kann ja nicht ahnen, dass sich Lechner ausgerechnet bei Alberich befindet, die sich wegen einer Erkältung krankgemeldet hat und mit Wotan die Tage zu Hause verbringt. Über eine unterstützende Organisation hatte sie schon seit einiger Zeit einen regen Briefwechsel mit Lechner und freut sich natürlich über den Besuch. Es gelingt ihr sogar, Boerne davon zu überzeugen, ihn als Obduktionshelfer anzustellen, denn sie will Lechner dabei helfen, sich nach den Jahren im Gefängnis ein neues Leben aufzubauen.
Lange hält dieser Versuch allerdings nicht an, denn Thiel lässt Lechner verhaften. Alberich ist empört über dieses Vorgehen, denn sie ist überzeugt, dass er unschuldig ist.

Auch Boerne merkt in der Zwischenzeit, dass irgendetwas an der Mumie faul ist. Kastner ist völlig aus dem Häuschen über diesen Fund, denn es handelt sich offensichtlich um den persischen Prinzen Artaxerxes und wäre somit der Beweis, dass Mumifizierung auch außerhalb des ägyptischen Kulturkreises angewandt wurde. Judith Schorlemer, deren Großvater die Mumie einst entdeckt und nach Deutschland gebracht hatte, unterstützt Kastner in seinem Vorgehen.
Mehr und mehr hat Boerne aber den Verdacht, dass es sich nur um eine Fälschung handeln kann, denn er entdeckt Hinweise, die darauf hindeuten, dass der angeblich über 2000 Jahre alte persische Prinz von einer Pistolenkugel in den Kopf getroffen wurde. Versteckt sich dahinter womöglich ein nicht annähernd so alter Mord?

von Jolli

Gastdarsteller

  • Tobias Schenke
  • Marijam Agischewa
  • Justus von Dohnányi
  • Thomas Lawinky
  • Dimitri Bilov
  • Jürgen Rißmann
  • Peter Clös
  • Anna Brodskaja
  • Ludger Burmann
  • David Scheller
  • Tina Seydel


Jolli meint:

Ah, eine Tatort-Folge ganz nach meinem Geschmack, nicht nur weil Boerne hier einfach wieder klasse ist und weil Wotan wieder einen Auftritt hat, sondern auch weil ich das Thema liebe. Von manchen Seiten hörte und las ich bereits Kritik, was die fachliche Korrektheit anging, aber bei sowas kann ich nur den Kopf schütteln. Wer etwas über Archäologie wissen will, der wird sich ja wohl keinen Tatort ansehen, sondern eine gut recherchierte Doku (wobei selbst die nicht immer einwandfrei sind). Hier geht es um reine Unterhaltung und die bekommt man wirklich geliefert!

Boerne ist mal wieder leicht überfordert mit seinen Vermieterpflichten. Diesmal ist es die Wasserleitung. Leicht macht er es seinen Handwerkern ja nicht gerade, das hat man ja damals schon bei der Heizungsgeschichte gesehen.
Der später folgende Streit um das Badezimmer im Haus von Thiel Senior ist einfach nur genial! Von Zurückhaltung keine Spur. Wenn Boerne etwas will, dann setzt er es auch mit seinem Sturkopf durch.

Es stellt sich die Frage, was ihn an der Mumie wohl mehr interessiert: der Reiz an der Archäologie oder die Erfolgsaussichten auf große Presse. Seinen Bemerkungen nach zu urteilen, wohl vor allem Letzteres. Deshalb ist seine berufliche Eifersucht gegenüber Kastner auch so ausgeprägt. Denn normalerweise hat ein Rechtsmediziner nicht automatisch Anspruch darauf, einen antiken Leichnam zu untersuchen.

Zum Glück ist aber unser lieber Herr Professor nicht umsonst das „Adlerauge“, deshalb erkennt er sehr schnell, dass hier ein gewaltiger Betrug vor sich geht. Nur leider glaubt ihm keiner. Dies ist wahrscheinlich das Resultat seiner ständigen Geltungssucht. Wer sich ständig in den Vordergrund zu drängen versucht, der wird irgendwann einfach ignoriert und DAS kann Boerne ganz und gar nicht ausstehen.

Was er auch nicht ertragen kann ist, dass er erkennen muss, wie sehr er eigentlich auf seine Assistentin angewiesen ist. Dass die Obduktionshelfer reihenweise kündigen, kann ich mir sehr gut vorstellen. Nicht alle haben eine solche Engelsgeduld wie Alberich, die wirklich einiges zu hören bekommt. Aber sie hat ihren Chef ganz schön im Griff, deshalb kann sie ihn auch frech damit erpressen, sich wieder krankschreiben zu lassen, wenn er nicht tut, was sie verlangt.
Um sie zurückzuholen geht er ja sogar vor ihr auf die Knie. Das muss ihn schon eine gehörige Portion Überwindungskraft gekostet haben.
Und er muss auch erkennen, dass er nicht der einzige Mann in ihrem Leben ist. Gegen den durchtrainierten Lechner wirkt er beim Zusammentreffen an der Badezimmertür ganz schön unterlegen, weshalb er auch schnell den Rückzug antritt. Zweifellos ist ihm dieser Auftritt ganz schön peinlich.

Zum Schluss gibt es wieder Action. Erst beweist uns Boerne, dass er ein flinker Fassadenkletterer ist, der auch vor Hausfriedensbruch nicht zurückschreckt und dann nimmt er auch noch an der Verfolgungsjagd teil. Na wenn er da nicht doch ein kleinwenig Angst um seine Alberich gehabt hat! Aber das würde er ja nie zugeben. Und auch nicht, dass er auch ein bißchen eifersüchtig war, aber zum Glück zieht die Konkurrenz ja ihres Weges.


Gabi meint:

Bei dieser Folge kann ich verstehen, warum Tatort-Puristen die Münsteraner ablehnen. Das ist die vielleicht reinste Komödie von allen: Das Opfer ist völlig irrelevant, es gibt keine trauernden Hinterbliebenen, der Täter ist kein Sympathieträger, und der Fall hat keine ernsthaft sozialkritische Komponente. Spannend im eigentlichen Sinn ist es auch nicht, zumindest wird nicht mit Suspense-Mitteln gearbeitet und die paar Verfolgungsjagden sind nicht der Rede wert. Spaß macht das Miträtseln, was es mit dieser Mumie auf sich hat,und das ganze Drumherum. Und es ist nicht mal ein Solo für Boerne, obwohl der mit seinen nervigsten Eigenschaften, Geltungsdrang, Besserwisserei, Rechthaberei und Geiz, nicht zu vergessen den Schuljungenhumor, eine Menge Raumzeit einnimmt. Alberich hat diesmal viel zu tun, darf mehr als nur Stichwortgeberin ihres Chefs sein, Thiel und Nadeshda haben fast so etwas wie einen (scherzhaften) Flirt.

Die Folge ist wirklich lustig, und Justus von Dohnányi allein würde sie schon sehenswert machen. Was die wissenschaftlichen Ungenauigkeiten angeht, so sind mir die relativ egal. Bei der Folge mit der Steuerprüferin konnte ich auch nur den Kopf schütteln, aber da es für die Krimilogik nicht relevant ist…

Eigentlich ist das, neben ‚Der dunkle Fleck‘, eine ideale Einstiegsfolge in die sehr spezielle Tatort Münster-Welt, da die Haupt – und wiederkehrenden Rollen sehr typisch und stimmig dargestellt sind, auch in ihrem Verhältnis zueinander.


Links:


 


Ein Kommentar

Tatort – ‚Eine Leiche zu viel‘ (2004)

Inhalt

Tatort_Eine Leiche zu vielEs hätte der perfekte Mord werden können. Im letzten Augenblick erkennt eine Medizinstudentin, die eigentlich den Leichnam eines freiwilligen Körperspenders hätte obduzieren sollen, dass etwas nicht stimmt. Tatsächlich wurde die Frau auf dem Tisch zuvor ermordet und dann fachmännisch präpariert, um zwischen den anderen nicht aufzufallen.

Bei der Toten handelt es sich um niemand anderes als Amélie Blanc, eine Chemikerin aus Paris, die bis vor kurzem noch für eine Münsteraner Forschungsgruppe als Hospitantin gearbeitet hatte. Mit einer Überdosis Nembutal wurde sie getötet, doch wer dafür verantwortlich ist, muss erst noch geklärt werden.

Für Thiel steht fest: die fachmännische Präparation der Leiche deutet auf einen Täter aus dem beruflichen Umfeld des Opfers hin. Da sie noch kurz vor ihrem Tod Sex hatte, ordert er eine Reihen-DNA-Analyse im Anatomischen Institut an. Für Boerne ist die Situation jedoch äußerst heikel. Auch er kannte Amélie und er ist – ebenso wie seine Mutter – mit dem Leiter des Instituts Professor Gregor Härtling und dessen Familie befreundet. Genauso geraten auch die anderen Mitglieder der Forschungsgruppe in Verdacht, die ebenfalls anerkannte Wissenschaftler sind.

Nicht gerade unverdächtig verhält sich aber auch der Ehemann des Opfers Thierry Blanc, der offenbar noch mehr über die Forschung seiner verstorbenen Frau weiß, als publik werden darf. Als er sich entschließt, Thiel von seinen Erkenntnissen zu erzählen, ist es bereits zu spät. Er wird nur noch tot aufgefunden.
Aber auch bei den Härtlings kommt es zu einem Todesfall. Der Professor nimmt sich das Leben, nachdem er der Aufforderung, eine DNA-Probe abzugeben, widerwillig nachgekommen ist. Ist das ein Schuldeingeständnis? Boerne zweifelt daran und gerät schon bald selbst ins Visier des Mörders.

von Jolli

Gastdarsteller

  • Jürgen Hentsch
  • Nele Mueller-Stöfen
  • Lars Gärtner
  • Stefan Gebelhoff
  • Petra Hinze
  • Carola Regnier
  • Silvan-Pierre Leirich
  • Olaf Kreutzenbeck
  • Ute Willing
  • Andreas Meier
  • Susanne Berckhemer
  • Peter Clös
  • Isabelle Schmidt


Jolli meint:

Eine Folge, die mal wieder ganz auf Boerne und sein berufliches Umfeld zugeschnitten ist. Allmählich fragt man sich, wen der Professor in dieser Stadt eigentlich nicht kennt. Besonders deutlich ist die Geschichte hier wieder geprägt von Boernes Situation, zwischen den Stühlen zu sitzen. Schließlich verehrt er Professor Härtling, andererseits muss er auch von ihm eine DNA-Probe fordern. Es ist nicht unverständlich, dass man in diesen Kreisen seine Loyalität fordert, andererseits möchte er auch Thiel nicht enttäuschen. Das Ergebnis ist ein bitterer Rückschlag auf beiden Seiten.

Aber eins nach dem anderen. Boernes Mutter hat hier ihren einzigen, wenn auch nicht unerheblichen Auftritt. In späteren Episoden ist sie dann plötzlich bereits verstorben, ohne dass der Zuschauer je genau erfährt, was geschehen ist. Hier dient sie aber nicht nur dazu, Boernes Gewissenskonflikt zu verschärfen, sondern auch um ein Stück mehr seiner privaten Seite zu beleuchten. Die erste Szene, in der sie ihm sogar hilft, seinen Anzug korrekt anzuziehen, lässt einem schmunzeln, denn es schimmert fast ein kleines bißchen der Junge durch, der sich noch immer gern bemuttern lässt. Thiels Kommentar „Ich hätte schwören können, Sie sind im Reagenzglas entstanden“ ist mal wieder charmanter Münster-Humor pur.

Auch wenn die Dimensionen des Falls nur sehr schleppend ihre Züge annehmen, macht es Spaß den Figuren zuzusehen, die hier eine sympathische Gefühlstiefe zeigen. Es ist nachvollziehbar, dass Boerne sich in gewisser Weise wie ein Verräter vorkommt, als er die Verdächtigen auffordert, eine DNA-Probe abzugeben. Ganz besonders bei Härtling, seinem Doktorvater, zu dem er ein sehr enges Verhältnis hat. Ich liebe die Szene – obwohl sie natürlich traurig ist – als der tote Härtling gefunden wird und Boerne, statt wie üblich den Leichnam sofort zu begutachten, erst mal frustriert zusammensackt. Obwohl kein Wort zwischen Thiel und Boerne fällt, wird anhand ihrer Blicke sofort klar, was in den beiden vorgeht. Boerne hat Schuldgefühle und ist zugleich wütend, dass Thiel ihn zu alldem überredet hat. Thiel hingegen hat Mitleid mit dem geschockten Rechtsmediziner, trotzdem bringt er es nicht fertig, etwas zu sagen.

Boerne ist also alles andere als „unherzlich“, was ihm seine Mutter später vorwirft. So etwas aus dem Mund der eigenen Mutter zu hören ist sicherlich nicht leicht.
Die Szenen im Hähnchenrestaurant sind nicht nur wegen Boernes rücksichtsloser Ausführungen klasse, die Thiel den Appetit verderben, sondern auch weil später, als der Rechtsmediziner Thiel fragt, ob er ihn auch für unherzlich halte, daraus deutlich wird, dass Boerne den Kommissar für einen ehrlichen und vertrauenswürdigen Menschen hält.


Gabi meint:

Das ist auch ein starker Kandidat für die Lieblingsfolgen. Die Dialoge sitzen hier besonders gut, was vor allem Carla Hanke zu verdanken ist – von der kann Boerne hinsichtlich Elitedenken und Arroganz noch was lernen. Nett die kleine Szene beim Essen, als sich beide über Dr. Kehl lustig machen: „Schleimbeutelentzündung?“ – „Im Endstadium.“ Da sind sie sich für einen kurzen Moment vollkommen einig.

Boernes Verhältnis zu Thiel ist in dieser Folge schon fast kameradschaftlich, wenn auch von Freundschaft noch recht weit entfernt, aber wenigstens ist Thiel nicht so abweisend und verletzend wie in manch anderer Folge. Und Alberich sorgt sich rührend um den Chef. Dazu noch Boernes Mutter und Boernes Fassadenkletterer-Einsatz und schließlich Thiels obercooler Schuss am Ende – doch, die Folge hat was.