Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite


44 Kommentare

Tatort – ‚Summ, summ, summ‘ (2013)

Inhalt:

summ summ summ 4Diesen Einkauf wird Karl-Friedrich Boerne so schnell nicht wieder vergessen. Nicht, weil er genau auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt eine erdrosselte Unbekannte in einem Container in Augenschein nehmen muss, sondern weil seine besonders günstig erstandene Kiste Bio-Bananen ausgerechnet die Behausung für ein hochgiftiges Bananen-Spinnen-Pärchen ist, das es sich jetzt in Boernes Wohnung gemütlich macht und so den Rechtsmediziner dazu zwingt, in einem Hotelzimmer Zuflucht zu suchen.

Thiel geht es da nicht viel besser, denn dank eines noch nicht reparierten Lochs in der Wand steht den Spinnen der Weg in seine Wohnung offen. Er muss bei seinem Vater unterkommen, der neuerdings Bienen züchtet und seinen alten Kumpel Manni Pleuger (Guntbert Warns) bei sich wohnen lässt.

Während Thiel also noch immer versucht, die Identität der Toten zu klären, freundet sich Boerne mit dem Schlagerkönig Roman König an, der seine Nachbarsuite bewohnt und überraschenderweise seine Leidenschaft für Wagner teilt. Münster steht Kopf, denn Königs Fans warten schon sehnsüchtig auf sein Konzert. Das ruft auch Thiel auf den Plan, denn die Tote besaß eine Ehrenkarte für Königs Konzert, doch dieser beteuert, die Frau nicht zu kennen.
Verdächtig kommt dem Hauptkommissar jedoch die junge Christiane Stagge (Fritzi Haberlandt) vor, bei der es sich offenbar um eine hingebungsvolle Stalkerin handelt, die König durch ganz Deutschland folgt. Sehr zum Leidwesen von Ina Armbaum (Ulrike Krumbiegel), Königs Managerin, die ein wachsames Auge auf ihren Schützling hat.

Erst als Thiel hinter die Identität der Toten kommt – es handelt sich um die Bremer Journalistin Claudia Schäffer– kommt etwas Licht in die Sache. War die Frau einem Skandal im Bezug auf den Schlagerkönig auf der Spur? Und was hat die Hausfrau Susanne Siebert (Petra Kleinert) damit zu tun, deren Adresse noch in Schäffers Navigationsgerät gespeichert war? Dann muss Thiel auch noch feststellen, dass Manni offenbar einst ein Kumpel von König war, mit dem er noch eine alte Rechnung offen hat.

Die Lage spitzt sich zu, als Ina Armbaum bewusstlos im Treppenhaus und König tot in seinem Bett aufgefunden wird. Der Verdacht fällt schnell auf Manni, der zuvor noch selbst von Thiel am Tatort gesehen wurde. Aber kommt er wirklich als Täter in Frage? Oder steckt nicht doch die eifersüchtige Christiane hinter alldem? Erst als Thiel schon fast glaubt, den Fall gelöst zu haben, wendet sich das Blatt schlagartig und bringt nicht nur Boerne in ernsthafte Gefahr.

von Jolli

Gastdarsteller

  • Ulrike Krumbiegel
  • Fritzi Haberlandt
  • Guntbert Warns
  • Petra Kleinert
  • Roland Kaiser
  • Peter Clös
  • Moritz Heidelbach

 


Jolli meint:

Es ist Montagmorgen und ich schreibe diese Rezension ganz bewusst, ohne vorher irgendwelche Presserevues gelesen zu haben. Ich frage mich, in welchem Loch die Kritiker nun diesmal herumbohren wollen. Mangelnder Lokalkolorit? Vielleicht, denn eigentlich gab es nur zwei wesentliche Schauplätze in dieser Folge: den Supermarkt und das Hotel Prinzipal. Beides hätte man ohne weiteres auch in jede andere Kleinstadt Deutschlands setzen können. Aber die nötige Verankerung mit Münster war diesmal wohl nicht durch Drehorte, sondern durch eine Person gegeben, nämlich Roman König, alias Roland Kaiser, der zwar nicht wie König ein Kind der Stadt, aber ein bekannter Wahl-Münsteraner ist.

Betrachten wir lieber Streitpunkt Nummer zwei: Krimi oder ein anderes Wort mit „K“, das doch allzu gern in der Presse benutzt wird. Wirft man dem Duo doch immer wieder vor, sich nur mit sich selbst statt mit einem Kriminalfall zu beschäftigen, kann ich davon in dieser Folge doch nicht viel beobachten. Natürlich sind beide mal wieder persönlich in die Angelegenheit involviert: Thiel wohnt unfreiwillig mit einem Verdächtigen unter einem Dach und Boerne freundet sich ausgerechnet mit einem Schlagerstar an, der später mal auf seinem Tisch landen wird. Aber, meine lieben Kritiker, das ist ja das Salz, das die Macher des Münster-Tatorts gerne in die Suppe streuen.

Die Wortgefechte mögen manchmal mehr, manchmal weniger zum Lachen anregen, das ist bekanntlich Geschmackssache. Gerade Thiels Sarkasmus war an vielen Stellen überzogen, Boernes Blindheit vor seiner eigenen Egozentrik hingegen wunderbar treffsicher.
Wesentlich positiver im Vergleich zu „Das Wunder von Wolbeck“ empfand ich dagegen Drehbuch und Inszenierung. Indem die Macher die Hektik der vorangegangen Folge herausnahmen, blieb dem Zuschauer hier wieder mehr Zeit, sich auf den Moment und damit auch auf den Fall und die Charakteren zu konzentrieren.

Was erfahren wir über Boerne? Nun, er ist auf jeden Fall kein Schlagerfan, soviel steht fest (ganz im Gegensatz zu Staatsanwältin Klemm, die ihre Leidenschaft nur bedingt verbergen kann und während des Konzerts mal erheiternd andere Seiten von sich preisgibt *g*). Dafür ist er hin und weg von der Tatsache, dass er jemanden gefunden hat, mit dem er über Wagner philosophieren kann und überraschend schnell per Du mit seinem neuen Freund ist, wohingegen mit Thiel auch nach über zehn Jahren ein Bruderschaftsbund nur in stockbetrunkenem Zustand erreicht wurde.

Fraglich ist, in wieweit sich Boerne ein kleinwenig in Königs Glanz der Berühmtheit zu sonnen versucht. Wo wir schon beim Thema Fanhype und Stalkern wären, sollte dieser Aspekt durchaus angesprochen werden, auch wenn er meiner Meinung nach im Fall ziemlich unterging.
Eigentlich besitzt Boerne in der gegebenen Situation doch sonst immer den nötigen Charme um zu bekommen was er will, gerade was die Damenwelt angeht. Hier bekommt er nur über seine Beziehung über König seinen ersehnten Kaffee.

Vielleicht aber – und hier bewegen wir uns schon sehr weit im Bereich der freien Interpretation – haben Boerne und König auch etwas gemeinsam: sie haben zwei Gesichter. Das, das sie nach außen hin jeden Tag zeigen und das, das sie meist vor anderen verstecken. König macht seine Karriere mit Schlagern, aber dieses Kostüm gibt er abends an der Garderobe ab. Auch Boerne verbirgt den ein oder anderen Wesenszug gern vor anderen.

Aber eines geht  mal gar nicht, Herr Professor: kleinwüchsige Assistentinnen schwere Kisten schleppen lassen! Bei aller Liebe, soviel Chauvinismus ist mir dann doch ein Tick zu übertrieben. Das Zusammenspiel Boerne-Alberich war zwar ansonsten sehr amüsant (man denke an den Einkaufswagen, der plötzlich allein weiterfährt), doch die ein oder andere Stelle passt dann doch nicht so ganz in das Bild, das man sonst von den beiden hat.

Der Showdown im Dampfbad war dann noch die Gelegenheit für Thiel, seinem Kollegen mal wieder aus der Klemme zu helfen. Manch anderer Krimi hätte die Szene wohl noch stärker dramatisiert, aber das wäre dann wohl doch etwas zu viel des Guten gewesen. Viel besser war dagegen, Boerne vor Alberich zu Kreuze kriechen zu sehen und die amüsante Schlussszene zweier Spinnen, die ihrem Wellness-Urlaub entgegensehen.


Anne meint:

Boerne ist in dieser Folge wieder sein „altes garstiges Selbst“ – egozentrisch, ignorant, eingebildet, ohne Empathie und  jegliches Taktgefühl. Jedoch fehlt mir in dieser Folge das Gefühl, dass der Professor auch anders könnte. Er wirkt mehr und mehr „böswillig“ ignorant und Thiel reagiert daraufhin, über das normale Maß hinaus, ungehalten. Vorher hatte man immer den Eindruck sie können nicht mit und auch nicht ohne einander, was hier in einigen Szenen leider nicht den Anschein macht. Das zeigt sich ganz deutlich in der Szene als Boerne die Frauenleiche im Container untersucht, sich darüber auslässt, warum er überhaupt dorthin zitiert wurde und sich von einem, sichtlich genervten, Thiel alles aus der Nase ziehen lässt. Als er dann noch klar macht, dass er erst einkaufen war und  die Polizeikräfte warten ließ, verliert Thiel endgültig die Beherrschung. Allein das man einen Prof. Karl Friedrich Boerne mit Nachdruck zu einem Tatort rufen muss ist mehr als ungewöhnlich.  In früheren Folgen machte es auf mich immer den Eindruck, als würden beide die Arbeit des anderen, trotz ihrer offensichtlichen Differenzen, schätzen. Der Reiz dieses ungleichen Paars besteht letztendlich auch darin, dass es so scheint als wäre ihre gegenseitige Zusammenarbeit ein notweniges Übel, man aber im Grunde genau weiß, dass sie sich gegenseitig achten. Ich hoffe, dass die Autoren in den nächsten Folgen auch diese Beziehungsebene wieder aufgreifen werden.

Das Thiel und Boerne notgedrungen ihre Wohnung verlassen mussten, war hingegen wieder eine amüsante Nebenhandlung, die zu allerlei komischen Verwicklungen führte. So musste ich z.B. schallend lachen als ich Boernes „romantisch“ geschmückte Honeymoonsuite sah oder als er mit dem Professor vom Insektenschutz eine glühende Diskussion darüber führte, ob man den Tieren mit der chemischen Keule zu Leibe rücken  sollte.

Auch dass die Nebenrollen wieder stärker einbezogen wurden hat mir gefallen. Besonders Staatsanwältin Klemm als begeisterter Fan des Schlagersängers war eine schöne Idee.

An manchen Stellen wirkte die Handlung jedoch sehr konstruiert – der Kumpel des Vaters, der früher zufällig mit dem Schlagerstar einen Song produzierte und ihn dann erpresst, der Herr Professor, der zufälligerweise genau im selben Hotel wie Roman König residiert, woraufhin sich die beiden auch prompt, über die gemeinsame Liebe zu Wagner, anfreunden etc.

Am meisten ärgerte mich jedoch die schablonenhafte, wenig differenzierte Zeichnung der Charakterzüge Boernes und Thiels in dieser Folge.

Boerne ist der einsame, geizige, gefühlstaube Egoist der andere herum kommandiert, sich an seinem Lebensstandard ergötzt und das gemeine Volk missbilligt. Dieses Verhalten wird hervorgehoben mit vielen krampfhaften Dialogen, die um jeden Preis witzig sein wollen, zum Teil jedoch nicht gut durchdacht (Boerne kauft im Großmarkt riesen Mengen ein, da er, auf das Kilo hochgerechnet, billiger weg kommt. Da interessiert es nicht, dass diese Aktion an Idiotie nicht zu übertreffen ist und somit völlig kontraindiziert zum Charakterbild der Figur wirkt.)  oder einfach überzogen („Boernepedia“) sind. Daran kann auch Boernes halbherziger Versuch Alberich am Ende zu beschwichtigen nichts ändern. So wird aus intelligentem Witz der früheren Folgen platte Komik, was in diesem Fall einzig durch Jan Josef Liefers überzeugendes Spiel kompensiert werden konnte. Auch bei Thiel wurde nach diesem Prinzip gearbeitet. Er ist der gewöhnliche und einfache Bürger, was nicht weiter schlimm wäre, hätte man hier nicht gewöhnlich und einfach mit dumm gleichgesetzt. So hat es mich z.B. gestört das Thiel als Minderbemittelter herhalten musste um Boerne den nächsten Wortwitz in den Mund legen zu können (Stichwort: anaphylaktischer/analphabetischer Schock).

Den Figuren wird in dieser Folge kaum Raum gegeben um zu überraschen und auch andere Facetten, als die stets erwarteten, zu zeigen und ich würde mir wünschen, dass sich das wieder ändert.


Links: